Arbeit&Wirtschaft 10/2015 29Schwerpunkt an die Selbstheilung durch den Markt: Wenn gerade einmal zehn Prozent der großen Unternehmen in der EU Infor- mationen zu Umwelt und Sozialem of- fenlegen, dann ist die Zeit für verpflich- tende Regeln gekommen. Die neue EU-Richtlinie schafft dafür die Voraus- setzungen. Der Teufel steckt im Detail: Erst der nationale Gesetzgeber legt fest, in wel- cher Form diese Verpflichtung umzuset- zen ist. Genügt es, dass die Unterneh- men prinzipiell zum Beispiel über die Arbeitsbedingungen berichten? Nach bisherigen Erfahrungen wird dann im- mer das herausgegriffen, was besonders imagefördernd ist: die Lehrlingsausbil- dung; Teilzeitarbeit zur besseren Verein- barkeit von Beruf und Familie; Investiti- onen in Aus- und Weiterbildung und Ähnliches. Vorangestellt sind diesen In- formationen meist jene Standardanga- ben, die ohnedies schon im Lagebericht offengelegt werden müssen. Diese Belie- bigkeit muss allerdings nicht sein, wie das Beispiel Frankreich zeigt. Dort müs- sen Unternehmen mit mehr als 300 Mitarbeiterinnen anhand von über 100 Leistungsindikatoren Auskunft über die ArbeitnehmerInnenbelange geben. Fakten statt blumiger Berichte Unbeeindruckt von der bisherigen Wir- kungslosigkeit beharrt die Arbeitgeber- seite nach wie vor auf dem Prinzip der Freiwilligkeit: Jede und jeder soll schrei- ben dürfen, was er oder sie will – ohne klare Vorgaben und ohne externe Über- prüfung. Eine interessante Position be- ziehen die WirtschaftsprüferInnen, die einen derartigen „prinzipienbasierten“ Ansatz als offensichtlich unzureichend klassifizieren. Nur wenn die Kriterien zur Sozial- und Umweltberichterstattung konkretisiert werden, ist eine einheitliche Interpretation und inhaltliche Prüffähig- keit gewährleistet. Auch NGOs, AK und Gewerkschaften plädieren für harte Da- ten und Fakten statt blumiger Berichte. Daher verwundert es auch nicht, dass in den vom Justizministerium in einer öf- fentlichen Konsultation eingeholten Stel- lungnahmen nur noch der harte Kern der Unternehmensvertreter dem Prinzip „Freiwilligkeit“ nachhängt. Demgegen- über wollen 16 von 22 Organisationen handfeste Berichte. Auf welcher Basis sollen diese Be- richte erstellt werden? Weltweit hat sich die Global Reporting Initiative (GRI) durchgesetzt, ein Rahmenwerk, nach dem bereits jetzt weltweit 8.500 Unter- nehmen berichten. Auch bei den ATX- Unternehmen ist GRI der mit Abstand am häufigsten angewendete Standard. Es ist daher naheliegend, bei einer Spe- zifizierung der Nachhaltigkeitskriterien von den bereits vorliegenden GRI-Indi- katoren auszugehen. Will man ein halb- wegs umfassendes Bild über die Situati- on der ArbeitnehmerInnen im Betrieb erhalten, so braucht es allerdings noch zusätzliche Maßzahlen. In einer von der AK Wien durchgeführte Online-Umfra- ge bei BetriebsrätInnen börsennotierter Unternehmen wurden folgende Indika- toren von den allermeisten Betriebsrä- tInnen als besonders wichtig eingestuft: durchschnittliche Mehr- und Überstun- den, Zeitaufwand für Aus- und Weiter- bildungsmaßnahmen, Verbreitung von All-in-Verträgen im Unternehmen, die innerbetriebliche Vergütungsspanne zwischen Vorständen und Belegschaft sowie Informationen zu den verschiede- nen Arbeitsvertragsformen. Weiters wünschen sich die befragten Betriebsrä- tInnen für die Nachhaltigkeitsberichter- stattung neu: harte eindeutige Maßzah- len, eine Behandlung der Berichte im Aufsichtsrat und in der Hauptversamm- lung und eine externe Testierung durch die WirtschafsprüferInnen. Aufholprozess Österreich hat in der Nachhaltigkeitsbe- richterstattung einen gewaltigen Aufhol- prozess vor sich. Jetzt ist der Gesetzgeber gefordert, dem Nachzüglerdasein durch klare Normen ein Ende zu setzen. Nur vergleichbare, geprüfte und relevante Zahlen, Daten und Fakten bilden eine wirkungsvolle Grundlage für Verände- rungen der betrieblichen Realität. Die Arbeitswelt wird damit sichtbar gemacht, sodass über Bewegungen in der „Sozial- bilanz“ diskutiert werden kann. Eine ex- terne Überprüfung der Nachhaltigkeits- berichterstattung von einer unabhängi- gen dritten Partei ist unerlässlich und sollte in Bezug auf Form und Inhalt auf Augenhöhe mit der Finanzberichterstat- tung erfolgen. Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autoren heinz.leitsmueller@akwien.at ulrich.schoenbauer@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Österreich hat in der Nachhaltigkeits- berichterstattung einen gewaltigen Aufhol- prozess vor sich.