Arbeit&Wirtschaft 10/201536 Schwerpunkt Gute Allianzen Seit einigen Jahren bilden sich Allianzen, die die ökologische und die soziale Frage nicht mehr trennen wollen. Sie fordern ein gutes Leben für alle! S pätestens die Finanz- und Wirt- schaftskrise legte die zunehmende Verteilungsschieflage in Europa of- fen. Hohe Arbeitslosigkeit, Demo- kratiedefizite im europäischen Krisenma- nagement und nicht zuletzt die Folgen des Klimawandels veranlassten eine wach- sende Zahl an politischen Kommentato- rInnen zur Diagnose einer multiplen Kri- se, deren Komponenten kaum noch iso- liert bearbeitet werden können. Wohlstandsinsel Europa Stellt schon das Management der inter- nen Probleme für Europa heute eine mas- sive Herausforderung dar, so schärfen die interkontinentalen Fluchtbewegungen der letzten Zeit zunehmend das Bewusst- sein dafür, dass die Wohlstandsinsel Eu- ropa neue und stärker international ver- netzte Lösungen zur Krisenbearbeitung suchen muss. Unterschiedliche inter- und supranationale Organisationen wie die OECD, die Vereinten Nationen oder die Europäische Kommission versuchen auch angesichts dieser Herausforderun- gen, Strategien für ein neues Wirtschafts- und Wachstumsmodell zu entwerfen. Schlagworte wie Green Growth, Green Economy oder Circular Economy prägen in den letzten Jahren die öffentliche Dis- kussion über zukunftsfähige Wirtschafts- systeme. „Better life Indices“ oder Über- legungen zu „GDP and beyond“ sollen die Wohlstandsmessung auf eine um- fassendere und aussagekräftigere Basis stellen (siehe auch „Die Glücksmessung“, S. 18–19). Die Diskussionen des politischen Mainstreams gehen vielen nicht weit ge- nug. Die ökologische Ökonomie warnt schon lange davor, dass die hochentwi- ckelten Gesellschaften ihren Ressourcen- und Energieverbrauch längst reduzieren müssten, wenn die Klimakatastrophe verhindert werden und der globale Sü- den weiter Wachstumschancen haben soll. Diese Mahnungen nimmt man nun anscheinend auf breiter Front ernst. Vie- lerorts bestehen Zweifel, dass die ange- strebten Wege der Steigerung von Res- sourcen- und Energieeffizienz und der Reduktion von Treibhausgasemissionen (im Inland) ausreichen, um die westli- chen Gesellschaften auf langfristig tragfä- hige Entwicklungspfade zu bringen. Nicht nur zeigen Untersuchungen, dass sogenannte Rebound-Effekte oft- mals dazu führen, dass Effizienzgewinne durch den Erwerb größerer Geräte oder intensiveres Nutzungsverhalten kompen- siert werden. Berechnungen zum Export von Umweltbelastungen bzw. zum öko- logischen Fußabdruck verdeutlichen auch, dass ein Teil der vermeintlich ein- gesparten CO2-Emissionen der europäi- schen Gesellschaften lediglich gemein- sam mit der Güterproduktion ins Aus- land verlagert wurden und eigentlich weiterhin dem europäischen Konsum zugerechnet werden müssten. Und dank der „Deregulierungserfolge“ wächst in Europa kein Verkehrssektor so stark wie der Luftverkehr – im Zeitraum 1995 bis 2011 immerhin um mehr als 66 Prozent. Vor diesem Hintergrund möchte sich eine wachsende Gruppe von VertreterIn- nen aus Wissenschaft, NGOs, sozialen Bewegungen und Gewerkschaften nicht mehr mit dem Status quo abfinden. Sie fordern einen fundamentalen Kurswech- sel in Europa. Mit dem Ziel, gemeinsam neue Lösungen zur Bearbeitung der mul- tiplen Krise zu finden, bilden sie neue Allianzen, in denen sie auch bereit sind, die Grenzen der eingespielten institutio- nellen Handlungs- und Themenfelder zumindest punktuell zu überschreiten. Unter dem Motto „Gutes Leben für alle“ werden in diesem Sinne nicht nur Fragen der Verteilung von Arbeit, Einkommen, Vermögen bzw. Selbstverwirklichungs- chancen und Teilhabemöglichkeiten an Gesellschaft und Demokratie, sondern auch der Ernährungssouveränität, der in- ternationalen Solidarität und des Lebens in Einklang mit Natur und Umwelt ge- meinsam problematisiert. Kleinräumige bzw. regional veranker- te Initiativen und Projekte einer solidari- schen Ökonomie und Gesellschaft – wie Food Coops oder alternative Wohnpro- jekte – sind damit genauso angesprochen wie politische Bewegungen für eine Re- Florian Wukovitsch Abteilung Umwelt und Verkehr der AK Wien B U C H T I P P Robert u. Edward Skidelsky: Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens Verlag Antje Kunstmann, 318 Seiten, 2013, € 19,95 ISBN: 978-3-8889-7822-7 Bestellung: fachbuchhandlung@oegbverlag.at