Arbeit&Wirtschaft 10/2015 37Schwerpunkt © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Regulierung der Finanzmärkte oder des internationalen Handels. Zentral ist die Bekämpfung der politischen und ökono- mischen Machtungleichgewichte, nicht zuletzt im Sinne der Interessen von ar- men und benachteiligten sozialen Grup- pen im globalen Süden gleichermaßen wie im hochentwickelten Norden. Kurswechsel Dabei ergreifen durchaus unterschiedliche AkteurInnen die Initiative. Schon im De- zember 2012 organisierte die IG Metall in Berlin einen großen Kongress mit dem Titel „Kurswechsel für ein gutes Leben“, auf dem man sich auf die Suche nach ei- nem neuen Fortschrittsbegriff für Indus- triegesellschaften und alternative Ent- wicklungspfade machte. 2014 verwende- te eine Kooperation aus AK Wien, Attac Österreich, Beirat für gesellschafts-, wirt- schafts- und umweltpolitische Alternati- ven (BEIGEWUM), Grüner Bildungs- werkstatt u. a. den gleichen Titel für eine Veranstaltungsreihe und eine Ausgabe der Zeitschrift „Kurswechsel“. Im Februar 2015 fand an der Wirtschaftsuniversität der erste große österreichische Kongress mit dem Titel „Gutes Leben für alle“ statt, auf Initiative der Allianz „Wege aus der Krise“ und des Obmanns der Grünen Bil- dungswerkstatt Österreich. „Wege aus der Krise“ ist dabei bereits selbst eine themen- übergreifende zivilgesellschaftliche Alli- anz, an der österreichische Fachgewerk- schaften und Umweltorganisationen ebenso beteiligt sind wie die Menschen- rechtsorganisation SOS Mitmensch, das Netzwerk Armutskonferenz, die öster- reichische HochschülerInnenschaft und Attac Österreich. Schon in diesem Netz- werk wurden in den letzten Jahren the- menübergreifende politische Allianzen erprobt und das Ergebnis der internen Abstimmung in Form eines jährlich er- scheinenden Zivilgesellschaftlichen Zu- kunftsbudgets als Forderungen an die Po- litik herangetragen. Der Kongress wurde von der AK, Entwicklungsorganisationen, Forschungsinstitutionen und politischen Bildungseinrichtungen mitgetragen. Zu- sätzlich haben sich zahlreiche Initiativen an einer Messe beteiligt, die im Rahmen des Kongresses stattgefunden hat. Der Vorteil der Utopie des guten Le- bens für alle ist, dass sich im Unterschied zum „verwandten“ Postwachstumskon- zept – in dem sehr viel Gewicht auf Ver- zicht und individuelle Verantwortung gelegt wird – auch gesellschaftliche Ak- teurInnen darauf einigen können, die stärker mit der bestehenden Wachstums- logik verbunden sind. Schließlich blei- ben die konkreten Schritte und Zwi- schenziele zur Transformation unserer Gesellschaften vorerst relativ offen. In der akademischen Diskussion wurde die Idee des guten Lebens vor al- lem unter Berufung auf Aristoteles aus- formuliert, am prominentesten von der US-amerikanischen Sozialphilosophin Martha Nussbaum. Ihr geht es im Sinne der Entwicklung menschlicher Grundfä- higkeiten nicht nur um die Sicherung von grundlegenden Daseinsvorausset- zungen, sondern auch um die Schaffung von gesellschaftlichen Bedingungen, die allen gleichermaßen die Entdeckung und Nutzung des eigenen schöpferischen Po- tenzials und den Aufbau von bedeuten- den Beziehungen zu Mitmenschen und der Natur ermöglichen. In ähnlicher Weise entwerfen der Wirtschaftshistori- ker Robert Skidelsky und sein Sohn Ed- ward eine Ökonomie des guten Lebens, die im Unterschied zum wirtschaftswis- senschaftlichen Mainstream konkrete menschliche Bedürfnisse wie Gesund- heit, Sicherheit, Persönlichkeit und Har- monie mit der Natur in den Fokus nimmt sowie die politisch-ökonomi- schen Möglichkeiten für deren Erfül- lung. Mehr Schlagkraft als Allianz Offensichtlich ist, dass ein enger Zusam- menhang zwischen dem guten Leben für alle und gewerkschaftlichen Forderungen nach belastungsarmen und entwicklungs- förderlichen Arbeitsplätzen, geregelten Arbeitszeiten, gerechter Einkommens- und Vermögensverteilung, umfassender demokratischer Mitbestimmung und gu- ten Bildungschancen besteht. In diesem Sinne werden die Interessenvertretungen der ArbeitnehmerInnen auch weiterhin wichtige Bündnispartnerinnen im Kampf für ein gutes Leben für alle sein. Durch neue Allianzen erhalten zentrale Anliegen im besten Fall noch mehr Schlagkraft. Internet: Dialogreihe „Gutes Leben für alle“: www.guteslebenfueralle.org Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor florian.wukovitsch@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem guten Leben für alle und gewerkschaftlichen Forderungen nach guter Arbeit.