Arbeit&Wirtschaft 10/201538 Schwerpunkt G esellschaftlicher Wohlstand wird oft auf enge wirtschaftliche Indi- katoren wie das Bruttoinlandspro- dukt reduziert. Als oberstes wirt- schaftspolitisches Ziel zur Erhöhung des Wohlstands gilt es demnach, im ersten Schritt einen möglichst großen ökono- mischen Kuchen zu backen, der dann stückweise verteilt werden kann. Dabei wird allerdings nicht berücksichtigt, dass das Backen des immer größeren Kuchens steigende soziale und ökologische Kosten verursacht. Noch dazu sind diese Kosten höchst ungleich verteilt. Enorme Kosten bei Untätigkeit In den letzten Jahrzehnten war Wirt- schaftswachstum eng an steigenden Ressourcenverbrauch gekoppelt – und damit einhergehend mit Umweltzerstö- rung. Innovative, umweltfreundliche Technologien konnten dieser Entwick- lung zwar entgegenwirken, aber Wachs- tum nicht absolut von Umweltzerstö- rung entkoppeln. Manchen Ländern oder Sektoren ge- lang eine absolute Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Umweltzer- störung, die Hauptursache dafür ist al- lerdings, dass die umweltschädlichsten Teile des Produktionsprozesses in Län- der des Südens verlagert wurden. Ord- net man die daraus resultierenden Emis- sionen den Ländern zu, in denen die Endprodukte konsumiert werden, ge- hen Wachstum und Umweltzerstörung in den Industrieländern weiterhin Hand in Hand. Weltweit führende Umwelt- und KlimawissenschafterInnen warnen da- vor, dass das Ausmaß und die Intensität aktueller wirtschaftlicher Aktivität be- reits zu irreversiblen ökologischen Schä- den geführt haben. Dabei wurden eini- ge sogenannte „planetarische Grenzen“ bereits überschritten, andere planetari- sche Grenzen werden ohne eine grund- legende ökonomische und soziale Transformation in naher Zukunft er- reicht. Die wohl bekannteste der neun diskutierten planetarischen Grenzen ist die steigende Kohlendioxidkonzentrati- on in der Atmosphäre, die zu Klima- wandel führt. In den Umwelt- und Klimawissen- schaften steht außer Frage, dass schon eine moderate globale Erwärmung, wie sie gegenwärtig bereits stattfindet, ohne dass man noch gegensteuern könnte, zu einer Zunahme von Unwettern und Na- turkatastrophen führen wird – mit dras- tischen ökologischen, sozialen und wirt- schaftlichen Auswirkungen. Umweltschäden verlagert Ein stärkerer Anstieg, der ohne substan- zielle Klimapolitik als wahrscheinlich gilt, könnte mit noch viel größeren Risiken und irreversiblen Umweltschäden ver- bunden sein. Aufgrund gravierender so- zialer Folgen des Klimawandels insbeson- dere in bevölkerungsstarken Küstenregi- onen in Ländern des Südens sind zudem Klimaflüchtlinge und verstärkte politi- sche Konflikte zu erwarten. Eine weitere Untätigkeit würde enorme ökonomische, soziale, und öko- logische Kosten nach sich ziehen. Von daher braucht es sowohl einen Wandel der wirtschaftlichen Aktivität und als auch eine Abkehr vom fortschreitenden Verbrauch fossiler Energieträger. Umweltungleichheit Ein weiteres Umwelt- und Gesundheits- problem, das unmittelbare und lokale negative Auswirkungen hat, ist Luftver- schmutzung, die weiterhin im Anstieg begriffen ist. Einer Studie der Weltge- sundheitsorganisation zufolge wurden die gesundheitlichen Gefahren von Luft- verschmutzung in der Vergangenheit grob unterschätzt. Inzwischen wird sie für einen von acht Todesfällen weltweit verantwortlich gemacht. Die Folgen sind allerdings nicht nur auf globaler Ebene, sondern auch innerhalb der Industrielän- der sehr ungleich verteilt. Diese Tatsache wird zunehmend unter dem Begriff Um- weltungleichheit thematisiert. In Öster- reich ist es auf Basis der bisherigen Da- tenlage schwer möglich, das Ausmaß von Umweltungleichheit in Zahlen zu fassen. Für viele andere Länder hingegen belegen wissenschaftliche Ergebnisse klar, dass insbesondere arme und sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen Umweltgefahren überproportional aus- gesetzt sind. Auch auf europäischer Ebe- ne zeigen Ergebnisse des Europäischen Umweltbundesamts, dass Umweltgefah- ren räumlich sehr ungleich verteilt und in manchen Gegenden stark konzentriert vorkommen. So wird die Hälfte der öko- logischen und gesundheitlichen Kosten Wohlstand geht nur grün Wachstum geht weiterhin mit Umweltzerstörung einher. Es braucht daher ein breiteres Verständnis, das auch Lebens- und Umweltqualität berücksichtigt. Klara Zwickl Forscherin am Institute for Ecological Economics und dem Institute for the Economics of Inequality an der Wirtschaftsuniversität Wien