Arbeit&Wirtschaft 10/2015 39Schwerpunkt industrieller Luftverschmutzung in der EU von nur einem Prozent aller indust- riellen Produktionsstandorte verursacht. Dazu kommt, dass Umweltungleich- heit und Einkommensungleichheit bzw. soziale Ungleichheit eng miteinander zusammenhängen: Vor allem reichere Bevölkerungsgruppen können sich indi- viduell vor Umweltgefahren schützen, indem sie in Gegenden mit hoher Um- weltqualität ziehen. Ärmere Bevölke- rungsgruppen sind von dieser Möglich- keit ausgeschlossen. Die steigende Einkommensun- gleichheit sorgt dafür, dass die Gruppe jener immer kleiner wird, die sich ein Leben in gesunder Umgebung leisten können. Es gibt aber auch zahlreiche Hinweise, dass Umweltungleichheit (zukünftige) Einkommens- und soziale Ungleichheit verschärft. So wird zum Beispiel der Lernerfolg von SchülerIn- nen oder die Arbeitsproduktivität von Beschäftigten stark von lokalen Um- weltbelastungen beeinträchtigt, wo- durch Chancengleichheit und Jobpers- pektiven drastisch reduziert werden. Au- ßerdem steigen in Gegenden hoher Um- weltqualität die Immobilienpreise und sinken in jenen mit niedriger Umwelt- qualität, was wiederum ökonomische Ungleichheit verstärkt. Weitere Dimensionen Der enge Zusammenhang zwischen wirt- schaftlichen, sozialen, und ökologischen Faktoren, welche die Lebensqualität be- einflussen, verdeutlicht, dass Wohlstand nicht nur auf wirtschaftliche Faktoren reduziert werden kann. Ein breiteres Ver- ständnis von Wohlstand wird auch zu- nehmend von einflussreichen Ökono- mInnen und internationalen Institutio- nen eingemahnt, insbesondere seit der großen internationalen „Beyond GDP“- Konferenz in 2007. Ein wichtiges Ergebnis der Konfe- renz war, dass Wirtschaftswachstum nicht mehr als der zentrale Erfolgsindi- kator einer Volkswirtschaft betrachtet werden soll, sondern nur noch als einer von vielen. Ergänzt werden sollte er um weitere Dimensionen: soziale Indikato- ren wie Lebenserwartung, Armut, Ar- beitslosigkeit, verfügbares Einkommen, und Bildungsstandards; ökologische In- dikatoren wie Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung und deren gesund- heitliche Folgen; Indikatoren für Le- bensqualität wie Lebenszufriedenheit, Jobzufriedenheit, Familienleben, Ge- sundheit und Lebensstandards. Innovative Politikempfehlungen Ein breiteres Verständnis von Wohlstand führt zu innovativen wirtschafts- und ge- sellschaftspolitischen Politikempfehlun- gen. Dabei werden soziale und ökologi- sche Ziele nicht mehr als Gegensätze be- trachtet. Und auch bei schwachem Wirtschaftswachstum kann hohe Be- schäftigung und Verteilungsgerechtigkeit erreicht werden. So könnte etwa eine gleichere Verteilung von Arbeitsstunden durch Arbeitszeitverkürzungen neben positiven Beschäftigungseffekten auch die Lebensqualität durch mehr Zeit für Familie und Freizeitaktivitäten erhöhen und geschlechtsspezifische Arbeitsmarkt- unterschiede verringern. Ein Ausbau öf- fentlicher Infrastruktur für Mobilität, nachhaltiger Energieversorgung, Wohn- raum, Bildung und Gesundheit würde neben positiven Beschäftigungseffekten und einer Reduktion sozialer Ungleich- heit auch zu einer Verringerung von in- dividuellem Ressourcenverbrauch und einer höheren Umwelt- und Lebensqua- lität führen. Die ökologischen und sozi- alen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte erfordern eine verstärkte ge- sellschaftliche Auseinandersetzung mit solchen Maßnahmen und eine Abkehr vom Bruttoinlandsprodukt als Haupt- indikator für Wohlstand. Nachlese: EEA, 2014. Costs of air pollution from European industrial facilities 2008–2012 – an updated assessment, Copenhagen, DK: tinyurl.com/j48yteq Jackson, Tim. 2009. Prosperity Without Growth. Economics for a Finite Planet. London: Earthscan: tinyurl.com/zetjytn Rockström, J. et al., 2009. Planetary Boundaries. Exploring the safe operating space for humanity. Nature, 461, pp.472–475: tinyurl.com/hynqhpo WHO, 2014. 7 million premature deaths annually linked to air pollution: tinyurl.com/pqgdd5q Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin klara.zwickl@wu.ac.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Umweltungleichheit und Einkommens ungleichheit bzw. soziale Ungleichheit verstärken einander.