Arbeit&Wirtschaft 3/20158 Interview Arbeit&Wirtschaft: Haben Sie ein Vorbild? Erich Foglar: Vorbilder gibt es viele. Es muss ja nicht immer nur eine Person sein oder ein vormaliger Präsident. Ich persönlich habe zum Beispiel Sepp Wille in vielen Themenbereichen und in Stil, Art und Weise sehr geschätzt. Auch Heinz Fischer ist ein Mensch, bei dem ich sehr viele Orientierungspunkte finde. BetriebsrätInnen spielen im ÖGB eine zentrale Rolle. Doch sind sie im Be- wusstsein der Menschen noch so veran- kert, wie dies einst der Fall war? Ich denke schon. Betriebsrätinnen und Betriebsräte waren immer das Kernele- ment der Gewerkschaftsbewegung, und zwar durch alle Epochen in der langen Geschichte. Unsere Geschichte ist ja deutlich älter als die 70 Jahre, die wir jetzt feiern, auch wenn das ein wichtiges Datum für die Zweite Republik ist. Ohne Beriebsrätinnen und Betriebs- räte ist die organisierte Interessenvertre- tung nicht möglich. Der Betrieb war und ist die Keimzelle der Gewerk- schaftsbewegung, weil man dort natür- lich Antworten und Lösungen für die vielen Missstände gesucht hat, unter denen man gelitten hat. Und es waren vor allem Betriebsrätinnen und Be- triebsräte, die sich dafür eingesetzt ha- ben, dass diese Missstände abgestellt werden. Das ist heute nicht anders, auch wenn sich die Rahmenbedingun- gen und Problemfelder im Lauf der Zeit verändert haben. Sollten Betriebsrätinnen und Betriebs- räte mehr Anerkennung bekommen? Ja, natürlich. Wir haben 65.000 Betriebs- rätinnen und Betriebsräte, Personalver- treterinnen und Personalvertreter, Ju- gendvertrauensrätinnen und Jugendver- trauensräte – also 65.000 Menschen, die sich in Wahrheit freiwillig und ehren- amtlich einem ganz, ganz wichtigen The- ma widmen und nach einer Überzeu- gung handeln, nämlich Arbeits- und Le- bensbedingungen speziell im Betrieb zu verbessern – und das für andere Men- schen. Zudem handeln sie überbetrieb- lich, wenn ich an die vielen Kollektivver- tragsverhandlungen denke. Letztendlich regeln sie auch die Arbeitswelt ein gutes Stück vertraglich, Stichwort Betriebsver- einbarungen. Und sie sind ein wesentli- cher Teil der Mitbestimmung auf be- trieblicher Ebene. Die „Lohnsteuer runter!“-Kampagne wurde von sehr vielen Menschen unter- stützt. Zugleich ist die Steuerreform natürlich ein Kompromiss. Eine schwie- rige Gratwanderung? Ja und nein. Dieses Spannungsfeld haben wir permanent: Wir stellen eine Situati- on fest, die nachteilig ist oder eine Un- gerechtigkeit darstellt – wie kürzlich bei der Steuer – und leiten daraus Forderun- gen ab. Das ist unsere Kernaufgabe. Bei der Forderung allein kann es natürlich nicht bleiben, sondern man versucht sie auch umzusetzen. Nachdem wir aber ei- ne Interessenvertretung sind und kein Gesetzgeber, ist unser Handlungsspiel- raum begrenzt. Natürlich ist das ein Spannungsfeld, wenn wir eine so große Unterstützung für eine Forderung be- kommen – über 882.000 Unterschriften – und Regierung und Nationalrat diese umsetzen müssen. Dieses Spannungsfeld ist aber auch bei Kollektivvertragsverhandlungen ge- geben, und da sind wir selber Vertrags- partner in Form der Branchenvertreter. Da weiß ich auch im Vorhinein nicht, was rauskommt, weil sich letztendlich zwei Partner zu einem Abschluss durch- ringen müssen. Das ist eigentlich Business as usual bzw. das macht Interessenvertretung halt aus. In der EU scheinen die Interessen von ArbeitnehmerInnen eher nachrangig „Keimzelle der Gewerkschaft“ ÖGB-Präsident Erich Foglar über die zentrale Rolle von BetriebsrätInnen, Frauenförderung und die von Wirtschaftseliten dominierte EU. Z U R P E R S O N Erich Foglar wurde am 19. Oktober 1955 in Wien geboren. Der gelernte Werk- zeugmacher arbeitete ab 1975 als Facharbeiter bei der Firma Philips und war dort auch Betriebsrat. Von 1981 bis 1983 absolvierte Foglar die Gewerkschaftsschule und im Anschluss daran die Sozialakademie. Im Jahr 1987 trat Erich Foglar als Sekretär in die Gewerkschaft Metall-Textil (GMT) ein, ein Jahr später wechselte er als Zentralsekretär-Stellvertreter in die Abteilung Finanz und Personal, 1992 wurde er Zentralsekretär. Im Jahr 2006 wurde Erich Foglar Leitender Sekretär des ÖGB und Zentralsekretär der GMT. Als Rudolf Hunds- torfer im Jahr 2008 Sozialminister wurde und als Gewerkschaftsvorsitzender zurücktrat, folgte ihm Erich Foglar in der Funktion des ÖGB-Präsidenten nach.