Arbeit&Wirtschaft 3/2015 13Schwerpunkt praktikabel ist, um die Einheit der Arbeit- nehmerInnen innerhalb einer Branche zu erhalten. Die Gewerkschaften im ÖGB ver- treten auch 70 Jahre nach seiner Grün- dung alle Arten von ArbeitnehmerIn- nen, ob das nun ArbeiterInnen, Ange- stellte oder BeamtInnen sind. Und sie decken so gut wie alle Branchen und Wirtschaftsbereiche ab. Auf dem Pa - pier hat es zwar immer wieder andere Organisationen gegeben, die sich als „Gewerkschaft“ bezeichnet haben – po- litische und wirtschaftliche Bedeutung oder gar Kollektivvertragsfähigkeit ist ihnen aber nie zugekommen. Zersplitterte Gewerkschaften In anderen europäischen Ländern ist die Gewerkschaftslandschaft um einiges zer- splitterter. In Italien und Frankreich etwa gibt es jeweils mehrere Gewerkschafts- bünde mit unterschiedlicher weltan- schaulicher Ausrichtung, also zum Bei- spiel sozialdemokratische, kommunisti- sche oder christliche Richtungsgewerk- schaften. Im Übrigen war dies in Österreich in der Zwischenkriegszeit auch der Fall. Zuletzt ging die FPÖ in diese Richtung, in ihrem Umfeld wurde 1998 die „Freie Gewerkschaft Österreichs“ ge- gründet, die vor allem im Bereich der Exekutive aktiv ist. Detail am Rande: Die FGÖ hat bis heute nicht die Zuer - kennung der Kollektivvertragsfähigkeit beantragt. Auf andere Art zersplittert stellt sich die Lage in Deutschland dar. Dort gibt es neben den Gewerkschaften im Deut- schen Gewerkschaftsbund (DGB), also zum Beispiel IG Metall und ver.di, eine ganze Reihe von Gewerkschaften, die nur die jeweiligen Interessen kleiner, spezialisierter Bereiche haben – und nicht die gesamte Gesellschaft oder auch eine gesamte Branche. Da gibt es die „Gewerkschaft der Lokführer“ und die Pilotengewerkschaft „Cockpit“ oder den „Marburger Bund“, der sich ausschließ- lich um die Anliegen der Ärztinnen und Ärzte kümmert, aber nicht um die ande- ren Beschäftigten im Spitalswesen. In Kombination mit der Tatsache, dass deutsche Tarifverträge im Gegensatz zu österreichischen Kollektivverträgen kei- ne Außenseiterwirkung haben, trägt die- se Zersplitterung weiter zur sinkenden Tarifabdeckung in Deutschland bei. Der ÖGB bekam die Kollektivver- tragsfähigkeit am 4. September 1947 zu- erkannt; zunächst war er in 18 Gewerk- schaften gegliedert, heute sind es sieben. Kollektivvertragsfähige ArbeitnehmerIn- nen-Organisationen außerhalb des ÖGB gibt es nur in sehr kleinen Bereichen, wie etwa bei den evangelischen Pfarre- rInnen. „Elitengewerkschaften“ wie in Deutschland gibt es in Österreich nicht. Die Chancen auf Zuerkennung der Kollektivvertragsfähigkeit wären ange- sichts dessen, dass Kollektivverträge eher Gesamtinteressen als Einzelinteressen verfolgen sollen, auch denkbar gering. Somit ist davon auszugehen, dass der ÖGB und seine Gewerkschaften ein De- facto-Monopol für den Abschluss von Kollektivverträgen auf ArbeitnehmerIn- nenseite haben. Das hat den großen Vor- teil, dass die ArbeitnehmerInnen inner- halb einer Branche nicht gegeneinander ausgespielt werden können, außerdem haben wir dadurch in Österreich eine Tarifabdeckung von etwa 98 Prozent. Beste Aussichten Nun könnte natürlich ein kleiner Verein, der sich „Gewerkschaft“ nennt, aber nie- mals auch nur in die Nähe der Kollektiv- vertragsfähigkeit kommt, die Aufnahme in den ÖGB anstreben. Dadurch, so ein möglicher Gedanke, könnte man doch über den ÖGB an die Verhandlungstische herankommen. Ein verlockender Gedan- ke, zweifellos. Jedoch auch ein verschwen- deter Gedanke. Der ÖGB ist nämlich kein Verband, in dem andere Vereine Mit- glied werden können. Dem ÖGB können nur natürliche Personen, also Menschen, beitreten. Die einzelnen Gewerkschaften sind Teilorganisationen und Bestandteil des ÖGB. Wer Mitglied des ÖGB werden will, kann einer Gewerkschaft beitreten und dadurch zu den Vorteilen der Mit- gliedschaft des ÖGB kommen. Es wird also in der Praxis so bleiben wie bisher: Wer Lohn- und Arbeitsbedingungen ver- handeln will, hat die besten Aussichten, wenn sie/er dem ÖGB beitritt. Internet: Bundeseinigungsamt: tinyurl.com/or545ky Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autoren martin.mueller@oegb.at florian.kraeftner@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at Eine Gewerkschaft ist mehr als ein Sammel- verein von Protest unterschriften. © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm