14 Im April 1945 wurde die österreichische Ge- werkschaftsbewegung nach Diktatur, Fa- schismus und Krieg wieder „aktiviert“. Hier sollen nur zwei der Herausforderungen an- gesprochen werden, denen sie sich von Anfang an zu stellen hatte – vielleicht ein Beitrag zu weiterer Diskussion und weiterem Nachdenken. Die eine Herausforderung bestand darin, die bestmögliche Organisation zur Vertretung der Interessen von ArbeitnehmerInnen zu schaffen. Ihr begegneten die Gewerkschaf- terInnen von 1945 mit einem Konzept, das noch immer das Prädikat „weltweit ein- malig“ verdient. Es mussten Verletzungen geschluckt und Traditionen aufgegeben werden, um dieses Konzept eines überpar- teilichen, einheitlichen Gewerkschaftsbun- des zu verwirklichen. Immerhin hatten christ- liche GewerkschafterInnen unter dem aus- trofaschistischen Regime 1934 bis 1938 führende Positionen, während sozialistische und kommunistische GewerkschafterInnen in die Illegalität gedrängt worden waren. Ohne die gemeinsame Ablehnung des Nati- onalsozialismus und die Erfahrungen unter dem NS-Regime hätte das „Projekt ÖGB“ wohl keine Chance gehabt. ÖGB-General- sekretär Anton Proksch betonte diesen Um- stand noch 1951: Die in der österreichi- schen Gewerkschaftsbewegung von heu- te führenden Männer waren zum gro- ßen Teil schon früher hervorragende Funktionäre und haben für die Befrei- ung der Arbeiterschaft auch im illegalen Kampf schwere Opfer auf sich genom- men. Die „führenden Frauen“ aus dem Wi- derstand vergaß Proksch allerdings zu er- wähnen. Die sehr schwierigen Verhandlungen in Wien dauerten vom 11. bis zum 30. April, die Chefverhandler waren für die ehemaligen Freien Gewerkschaften der Bauarbeiter Johann Böhm, für die Christlichen Gewerk- schafterInnen Lois Weinberger von den Angestellten und für die kommunistische Seite der Lederarbeiter Gottlieb Fiala. Auch Vertreter der EisenbahnerInnen, der Chemie- arbeiterInnen, der Land- und Forstarbeite- rInnen und der Buchdrucker gehörten dem Verhandlungsteam an. Als die Verhandlun- gen begannen, wurde in manchen Bezirken noch gekämpft. Als die Einigung erreicht war, hatte die Rote Armee Wien bereits von der NS-Herrschaft befreit, die Sozialistische Partei und die Volkspartei hatten sich kon- stituiert und mit der Kommunistischen Par- tei am 27. April die Zweite Republik aus- gerufen. Am 30. April genehmigte die sow- jetische Kommandantur die provisorischen ÖGB-Statuten. Die in ihnen festgeschriebe- nen, auch nach 70 Jahren noch geltenden Grundsätze sind: » Überparteilichkeit: statt Richtungsge- werkschaften eine überparteiliche, aber nicht unpolitische Organisation. » Einheitlichkeit: statt vieler nur locker ver- bundener Vereine ein einheitlicher Gewerk- schaftsbund, der alle Einzelgewerkschaften einschließt. » Flexibles Industriegruppenprinzip: Es gibt keine Fachgewerkschaften. Das heißt: In einem Betrieb sind die ArbeitnehmerInnen unabhängig von ihrem Beruf in einer oder, soweit es die Angestellten in der Privatwirt- schaft betrifft, in zwei Gewerkschaften orga- nisiert. Der erste ÖGB-Kongress erhob diese Prin- zipien 1948 zum gültigen Beschluss und auch die Organisation in damals 16 Gewerkschaf- ten wurde festgelegt. Fraktionen gab es of- fiziell bis in die 1980er-Jahre keine, aber sie bildeten sich in Nachfolge der alten Rich- tungsgewerkschaften trotzdem heraus. Das Prinzip der Überparteilichkeit blieb dabei anerkannt, trotz mancher Verlockungen, es aufzugeben – zuletzt unter den rechtskon- servativen Regierungen nach dem Jahr 2000. Eine der entscheidenden Leistungen des ÖGB war es, die in den Parteien durchaus umstrit- tene rasche Wiedererrichtung der 1934 gleichgeschalteten und 1938 abgeschafften Arbeiterkammern durchzusetzen. Ihre in den 1920er-Jahren wichtige Funktion des politi- schen Interessenausgleichs übernahm zwar ab dem April 1945 der ÖGB selbst, aber im Rahmen des sich entwickelnden Konfliktre- gelungsmechanismus der Sozialpartner- schaft wurden sie neuerlich unverzichtbar. Gerade wegen der engen Verbindungen kam es öfter zu Spannungen, etwa hinsichtlich Immer herausgefordert Vor 70 Jahren wurde der Österreichische Gewerkschaftsbund gegründet. Das brachte den ArbeitnehmerInnen viel, auch wenn nicht alles gelang. Arbeit&Wirtschaft 3/2015Schwerpunkt