Arbeit&Wirtschaft 3/201516 Schwerpunkt Der Unterschied ist der Mensch Schwierig war die Arbeit von BetriebsrätInnen immer, nach dem Zweiten Weltkrieg standen sie natürlich vor anderen Herausforderungen als heute. 1 945 fing bei uns die Arbeit unter schwierigen Verhältnissen an – überall Hunger“, erinnerte sich der Betriebsratsvorsitzende des Arbei- ter-Angestellten-Betriebsrates der Perl- mooser Zementfabrik, Walter Koss, in einem von A&W-Mitarbeiterin Brigitte Pellar dokumentierten Interview. Als bei geringen Lebensmittelrationen die Werkskantine eröffnet wurde, fand Koss einen gefährlichen Weg. Er tauschte Zementsäcke bei den Bauern gegen Mehl und riskierte es, mit der Polizei in Konflikt zu geraten. Die Geschichte Bereits am 15. Mai 1919 war von der konstituierenden Nationalversamm- lung für Deutschösterreich das Gesetz zur Einrichtung von Betriebsräten be- schlossen worden. Es war das wichtigs- te Ergebnis der „Sozialisierungskommis- sion“ unter Otto Bauer. Bekannt wurden vor allem die Beispiele der Mitterberger Kupfer AG in Salzburg und des Alpine- Stahlwerks in Donawitz, wo die Arbeiter ihr eigenes Direktorium wählten und den Betrieb übernahmen. Mit dem En- de des Sozialisierungsprojektes 1920 fiel zwar die ideologische und politische Ba- sis der Idee eines Betriebsrates weg, das Gesetz blieb jedoch – als einziges „Über- bleibsel“ – erhalten. „Es war das Erziehungsprogramm zum neuen Menschen, die Wirtschaft selber in die Hand zu nehmen“, schrei- ben Sepp Wall-Strasser und Beate Gotthartsleitner in der Studie „Zur Entstehung des Betriebsrätegesetzes. Österreich in revolutionärer Stimmung – die Hintergründe“. Allen Anfeindungen zum Trotz ent- wickelten sich die Betriebsräte als feste Einrichtung in vielen Betrieben. Die christliche Ständestaatregie- rung unter Engelbert Dollfuß verbot schließlich nicht nur die Freien Ge- werkschaften, auch alle Betriebsräte verloren ihr Mandat. 1947 wurde die Einrichtung wie- derbelebt und unter Bruno Kreisky mit wesentlichen Neuerungen im Jahr 1973 in das Arbeitsverfassungsgesetz (ArbVG) aufgenommen. Seit Beginn der 1980er-Jahre geht es wieder um die Frage des Eigentums, allerdings von der anderen Seite, nämlich um die Enteignung von Staatsunternehmen und öffentlichen Einrichtungen. „Un- bemerkt von vielen stand in der Pro- grammatik der sogenannten Väter des Neoliberalismus die Bekämpfung, ja Zerschlagung der Gewerkschaften und damit aller kollektiven Arbeitnehme- rIn nenvereinigungen am Programm“, heißt es in besagter Studie. Sündenbock Wurde bisher von Ausbau des Sozial- staates, von Humanisierung der Arbeits- welt und von Fortschritt geredet, so rückten nun die Themen „Rückbau“, „Übersozialisierung“, „Übertreibung der Mitbestimmung“ in den Vorder- grund. Und die BetriebsrätInnen wa- ren – neben anderen mehr – die Schul- digen für den Rückgang der Prosperität. Den BetriebsrätInnen wehte nun ein deutlich kälterer Wind entgegen. „Seit es im Gebälk des kapitalistischen Sys- tems wieder einmal ordentlich kracht, also seit Herbst 2008, ist alles wieder möglich, auch der Versuch, die Rechte der Betriebsräte zusammenzustutzen oder sie gar ganz abzuschaffen“, meinte der Kenner der Gewerkschaftsbewe- gung Hans Hartmann 2009 in einem Referat vor dem ÖGB-Landesbildungs- ausschuss. Hauptanliegen Arbeitsplätze Wie steht es um die Betriebsratstätigkeit heute? Die Arbeit von Ilse Fetik, Be- triebsrätin der österreichischen Sparkas- sen AG, ist vor dem Hintergrund der umfassenden strukturellen Umwälzun- gen im Bankensektor äußerst komplex und vielfältig. „Wir haben immer höhere Aufla- gen der Regulatoren, einen sehr hohen Kostendruck, unsere Geschäftsmodelle erodieren“, sagt Fetik, auch Mitglied des Bundesrates und stellvertretende ÖGB-Frauenvorsitzende. „All das hat Auswirkungen auf die Frage der Be- schäftigungen in der Branche.“ Immer mehr Aufgaben werden ausgelagert. „Das heißt, Arbeitsplätze gehen verlo- ren, die Anforderungen an die Beschäf- tigten steigen enorm.“ Die KundInnen erwarten bestqualifizierte Beratungen, viele Tätigkeiten fallen weg, weil ganz andere Anbieter in die Geschäftsmo- delle eindringen. „Das ist meine derzei- tige Hauptbeschäftigung: der Versuch, Arbeitsplätze zu sichern und die Be- schäftigten dabei zu unterstützen, sich Gabriele Müller Freie Journalistin