Arbeit&Wirtschaft 3/2015 21Schwerpunkt nennachfrage und könnte so jene hohen Außenhandelsungleichgewichte vermei- den, die die Währungsunion vor eine Zerreißprobe stellen: Wenn in Deutsch- land die Löhne in Relation zur Arbeits- produktivität dauerhaft langsamer stei- gen als in Spanien, dann baut Deutsch- land einen Exportüberschuss und Spanien einen Importüberschuss auf. Dies hält eine Währungsunion nicht aus. Kollektivvertragliche Lohnverhandlun- gen, die sich an einer gesamtwirtschaft- lich vernünftigen Lohnleitlinie orientie- ren, wären auch ein wirkungsvolles Ins- trument gegen das Problem der Deflation, das Europa derzeit plagt. Während in Österreich das kollektiv- vertragliche Lohnverhandlungsmodell weitgehend hält, sind in anderen euro- päischen Ländern massive Rückschritte erkennbar. Vor allem in Südeuropa hat die EU im Rahmen ihrer Politik der So- zialkürzungen und Einschränkung von Rechten der ArbeitnehmerInnen auch eine Zerschlagung von Kollektivver- tragsverhandlungen und die Verlagerung der Lohnverhandlungen auf Betriebs- ebene durchgesetzt. Dort stehen die ArbeitnehmerInnen oft machtlos den UnternehmerInnen gegenüber, gerade wenn die Zahl der Arbeitsuchenden so hoch ist wie heute. Exportindustrie profitiert besonders In Österreich profitiert die Exportindus- trie von der gesamtwirtschaftlichen Aus- richtung der Lohnpolitik in besonderem Ausmaß. Die Löhne steigen dort langsa- mer als die Produktivität. Arbeit wird für die Exportindustrie deshalb, gemessen an den Lohnstückkosten, immer billiger, die preisliche Wettbewerbsfähigkeit ge- genüber den Handelspartnern stieg in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich. Umso unverständlicher ist es also, dass gerade von den exportorientierten Bran- chen im Metallbereich der Versuch un- ternommen wird, das bewährte System der Branchenverhandlungen zu zer- schlagen. Einheitliche Lohnstandards Dies ist vor allem deshalb erstaunlich, weil es für die Unternehmen selbst er- hebliche Zusatzkosten mit sich bringen würde. Denn je stärker dezentral verhan- delt wird, desto weniger werden die Ge- werkschaften auf gesamtwirtschaftliche Zielsetzungen Rücksicht nehmen kön- nen. Tendenziell würden die Abschlüsse in den Betrieben mit hohen Produktivi- tätszuwächsen, die auf den Export aus- gerichtet und meist gewerkschaftlich gut organisiert sind, höher ausfallen als in der Vergangenheit. Zudem haben dezen- tralisierte Verhandlungen für die Unter- nehmen den Nachteil, dass sie sich be- züglich der Löhne erst kundig machen müssen, was die Konkurrenz zahlt. Sie müssten Billigkonkurrenz ebenso fürch- ten wie einen Lohnwettlauf um Fach- arbeitskräfte – in jeder Richtung ein er- hebliches Risiko. Sowohl die Verzerrung des Wettbe- werbs als auch diese Informations- kos ten entfallen beim Abschluss eines Kollektivvertrages: Es gibt einheitliche Lohnstandards, somit können sich die Un ternehmen auf volkswirtschaftlich vernünftige Aktivitäten konzentrieren, nämlich die Entwicklung, Erzeugung und den Verkauf hochwertiger und in- novativer Güter und Dienstleistungen. In jüngster Zeit sind im traditionel- len System der Kollektivvertragsver- handlungen auch erfreuliche Innovatio- nen feststellbar. Sie betreffen die Aufteilung des Verteilungsspielraumes auf Lohnerhöhung und Arbeitszeitver- kürzung. In den Kollektivverträgen der Elektro- und Elektronikindustrie, in den Branchen Bergbau und Stahl sowie in der Fahrzeugindustrie ist es gelungen, eine „Freizeitoption“ kollektivvertrag- lich zu verankern. Sie ermöglicht den ArbeitnehmerInnen, Lohnerhöhungen in Form kürzerer Arbeitszeiten in An- spruch zu nehmen. Das ermöglicht hö- here Lebensqualität und bessere Verein- barkeit von Beruf, Familie und Bildung. Gleichzeitig sind neue Formen der Ar- beitszeitverkürzung auch das griffigste Instrument, um Beschäftigung zu si- chern und die Arbeitslosigkeit zu ver- ringern. So kann die bewährte kollek- tivvertragliche Lohnpolitik, innovativ interpretiert, auch in Zukunft dazu bei- tragen, den Wirtschaftsstandort und die Lebensqualität Österreichs an Europas Spitze zu halten. Nachlese: Zum Thema Freizeitoption siehe auch „Mehr Zeit statt Geld“, A&W 2/2015, S. 34–35 Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor markus.marterbauer@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm Das System der Kollektivvertragsverhandlungen ist in den Grundprinzipien seit Jahrzehnten unver- ändert. 98 Prozent der unselbstständig Beschäf- tigten unterliegen einem Kollektivvertrag. Das ist ein Spitzenwert in Europa.