Arbeit&Wirtschaft 3/201522 Schwerpunkt S tadtspaziergänge haben sich einen fixen Platz in der öffentlichen Er- innerungskultur erobert. Anders als die klassischen touristischen Führungen beschreiten die TeilnehmerIn- nen Wege abseits jener Pfade, die sich der Herrschaftskultur widmen. Was bisher noch fehlte, ist ein spezieller Rundgang zur Geschichte des ÖGB. Was lag daher näher, als zum 70. Geburtstag des ÖGB einen solchen zu entwickeln? Jubiläumsspaziergang Passend zum Jubiläum widmet sich der erste Spaziergang den Anfängen des Ös- terreichischen Gewerkschaftsbundes im April 1945. Ausgangspunkt ist der West- bahnhof, an dem die Gründungsver- sammlung stattfand. Nächster Schauplatz ist das ehemalige Wohnhaus des Bau- gewerkschafters Josef Battisti, in dem die ersten Vorbereitungstreffen vonstatten- gingen. Weiter geht es zur ersten ÖGB- Zentrale in der Ebendorferstraße hinter der Universität Wien, den Abschluss bil- det das Denkmal der Republik neben dem Parlament. Der Weg vom Westbahnhof durch den siebenten Wiener Gemeindebezirk bis zum Parlament ist geradezu dafür prädestiniert, exemplarisch Wirkungs- stätten und Ereignisse gewerkschaftli- chen Engagements zu verknüpfen und einen Bogen von den Anfangszeiten bis in die Gegenwart zu spannen. Die Stationen im Detail: Westbahnhof Während in Wien noch gekämpft wurde, organisierten einige Gewerkschafter in- nerhalb weniger Tage eine Versammlung von sozialistischen, kommunistischen und christlichen Gewerkschaftern, die am 15. April 1945 stattfand. Ein Eisenbahngewerkschafter hatte den einzigen noch benutzbaren Saal im Direktionsgebäude des schwer beschä- digten Bahnhofs als Versammlungsort vorgeschlagen. Die Gewerkschafter (es waren tatsächlich lauter Männer) be- schlossen dort die Gründung eines über- parteilichen Gewerkschaftsbundes und ein erstes Statut. Zum provisorischen ersten Vorsitzenden wurde der ehema- lige Vorsitzende der freien Baugewerk- schaft, Johann Böhm, vorgeschlagen. Am 30. April 1945 erteilte die sowjetische Militärkommandantur die offizielle Be- willigung (siehe auch „Immer herausge- fordert“, S. 14–15 sowie „ÖGB kämpft für AK“, S. 36–37). Für zahlreiche GewerkschafterInnen endeten in diesen Tagen jahrelange Ver- folgung und Illegalität. Viele von ihnen bezahlten ihre politische Gesinnung mit ihrem Leben: Am 1. April 1938 fuhr vom Westbahnhof der erste Transport mit österreichischen Häftlingen – zyni- scherweise als „Prominententransport“ bezeichnet – ins Konzentrationslager Dachau ab. Unter ihnen waren Gewerk- schafter wie Franz Olah, Robert Danneberg und Johann Staud. Ab Mai 1938 begann hier auch für Tausende Juden und Jüdin- nen die Reise in den Tod. Der Bahnhof gibt auch Einblick in die Geschichte der Bahn in Österreich, der Gewerkschaft der Eisenbahner und ihre Rolle im Widerstand vor und wäh- rend der Nazidiktatur. Kenyongasse 3 Nicht weit vom Westbahnhof liegt die Kenyongasse. Im Haus Nummer 3 be- fand sich die Wohnung des Sekretärs der ehemaligen freien Baugewerkschaft, Josef Battisti. Am 11. April 1945 wurde er von Johann Böhm besucht. Der wollte wis- sen, wie das Ehepaar Battisti die Kämpfe in Wien überstanden hatte. Bald darauf Im Gehen lernen … Stadtspaziergänge eröffnen Pfade abseits von Herrschaftskultur. Eine Tour durch Wien auf den Spuren von 70 Jahren ÖGB. Alexa Jirez Leitung ÖGB Kommunikation Sabine Letz Geschäftsführerin des VÖGB Friederike Scherr Mitarbeiterin ÖGB Kommunikation, Bereich Archiv, Bildarchiv und Dokumentation I N F O & N E W S Die Gründungsroute können Interessier- te entweder im Alleingang erkunden oder in einer Gruppe, die der VÖGB mit Guides organisiert. Zu dieser speziellen Route gibt es einen eigenen Stadtplan mit Erläute- rungen sowie Online-Beschreibungen und Hintergrundinfos auf der VÖGB-Website. Gewerkschaftliche Spaziergänge – die Angebote im Überblick: Ab 15. April 2015: Geführte Gründungsroute 70 Jahre ÖGB – Termine über kultur@oegb.at Online-Route unter www.voegb.at Kommentierter Stadtplan zur Gründungs- route als Download auf www.voegb.at oder als Druckversion zu bestellen unter kultur@oegb.at