Arbeit&Wirtschaft 3/2015 23Schwerpunkt trafen zwei weitere Mitarbeiter der ehe- maligen Baugewerkschaft, Franz Pfeffer und Anton Vitzthum, ein. Aus diesem Besuch wurden tägliche Zusammenkünf- te mit einer stetig steigenden Anzahl an Teilnehmern. Schließlich wurde hier die Gründungsversammlung am Westbahn- hof vorbereitet. Wer an dem Spaziergang teilnimmt, erfährt auch etwas über die Hintergründe eines keineswegs friktions- freien parteiübergreifenden Zusammen- schlusses und die Positionierung Johann Böhms. Schottenfeldgasse 24 Wir bleiben in Neubau. Im 19. Jahrhun- dert war der Bezirk noch Vorstadt, das Stadtbild war geprägt von Gewerbebetrie- ben und Fabriken. Damit war das Gebiet auch der Lebensmittelpunkt vieler Arbei- terInnen. Folgerichtig wurde er damit zum Standort mehrerer Gewerkschafts- häuser mit sehr wechselvoller Geschichte. Exemplarisch ist hier das Haus der Österreichischen Baugewerkschaft in der Schottenfeldgasse 24 zu nennen. Die freie Baugewerkschaft (Vorsitzender Johann Böhm) schlug hier im Jahr 1929 ihre Zelte auf. Fünf Jahre später wurden die sozialdemokratischen Gewerkschaf- ten verboten und in die Illegalität ge- drängt. 1934 musste das Haus an den Einheitsgewerkschaftsbund abgetreten werden und von 1938 bis 1945 waren hier Büros der nationalsozialistischen „Deutschen Arbeitsfront“. Am 13. April 1945 klärte Josef Battisti mit einem Schild, auf dem „Eigentum der Gewerk- schaft“ stand, die Besitzverhältnisse nach dem Krieg. Bis 1960 waren diese Mauern der Sitz der Gewerkschaft der Bau- und Holzarbeiter. Franz Olah, Vorsitzender ab 1949, hatte hier sein Büro, als er im Zuge des Oktober- streiks 1950 die Gegenmaßnahmen or- ganisierte. Ebendorferstraße 7 Bereits in der Ersten Republik wurde die- ses Haus von der 1920 gegründeten Ar- beiterkammer sowie der Gewerkschafts- kommission bzw. dem Bund der Freien Gewerkschaften Österreichs genutzt. Von den ÖGB-Gründungstagen bis 1948 diente es als erste ÖGB-Zentrale und Sitz der Arbeiterkammer. Auch diese Räum- lichkeiten wurden zwischen 1934 und 1945 vom „Einheitsgewerkschaftsbund“ sowie der nationalsozialistischen DAF usurpiert. Am 30. April 1945 konstitu- ierte sich hier der erste provisorische ÖGB-Bundesvorstand, der aus 27 Perso- nen bestand (Siehe Bild oben) Mit dem gewerkschaftlichen Stadt- spaziergang soll ein Verbindungsstück zwischen privater und öffentlicher Erin- nerungskultur geschaffen werden. Uns wohlbekannte Gebäude, Straßen, Denk- mäler oder Parks, also das vertraute Erinnern im Alltäglichen macht noch keine Erinnerungskultur aus. Die Chan- ce, die ein Stadtspaziergang bietet, ist die Antwort auf die Frage „Was hat das mit mir zu tun?“. Das Verorten Einzelner in einen größeren – in diesem Fall politi- schen – Zusammenhang soll eine Brücke schlagen zwischen der persön lichen Be- troffenheit und einem kollek tiven Ge- schichtsbewusstsein. Lernen führt über viele Wege, macht Schleifen und manchmal Umwege, aber eines steht fest: Wir lernen im Vorwärts- gehen! Die Vorgeschichte In Kooperation von KollegInnen aus dem ÖGB (VÖGB, Kommunikation, Archiv, Internationales und ÖGB-Verlag) ent- stand die Idee, all jene Orte in Wien zu- sammenzutragen, die Vergangenheit und Gegenwart der Gewerkschaftsbewegung in einen Kontext stellen. Um die zahlrei- chen Informationen zu strukturieren, wurden Orte, Plätze und Straßen in einer Datenbank zusammengefasst. Diese Da- tenbank wird im Lauf des heurigen Jahres weiter ausgebaut und bildet die Basis für unterschiedliche Routen, die später über die Website des VÖGB abrufbar sein sollen. Damit können zukünftig auch in- dividuelle Routen – etwa für einen spezi- ellen Stadtteil oder nach Schwerpunkten – erstellt werden. Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorinnen alexa.jirez@oegb.at sabine.letz@oegb.at friederike.scherr@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at Die Stationen des gewerkschaftlichen Stadtspazierganges bieten Geschichte und unzählige Geschichten rund um die Gewerkschaftsbewegung. Haus Ebendorferstraße 7 (Bild oben). Mahnmal für das Kind, Wien-Westbahnhof (Bild unten). © Ö GB /T ho m as R ei m er