Arbeit&Wirtschaft 3/201530 Schwerpunkt Mit kleinen Schritten Seit dem ersten ÖGB-Frauen-Kongress im Jahr 1951 hat sich einiges verändert. Einige Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern halten sich jedoch zäh. S ich für Frauenfragen zu engagieren bedeutet auch heute noch, gegen Vorurteile, Klischees, Witzeleien und mehr oder weniger deutliche Ressentiments ankämpfen zu müssen. So galt etwa bis vor wenigen Jahren noch Bildung als eine Art „Sesam, öffne dich“ für die gläserne Decke. Jetzt haben Frauen bildungsmäßig zwar aufgeholt, aber Top- Managerinnen und weibliche Vorstands- mitglieder sind längst noch nicht Alltag, und auch den Gender Pay Gap gibt es nach wie vor. Unter anderem, weil wir angeblich die falschen Berufe wählen, uns nicht für Technik interessieren oder einfach zu zurückhaltend, zu bequem oder zu harmoniebedürftig sind für Top-Jobs … Immerhin, seit dem ersten ÖGB- Frauen-Kongress im Jahr 1951 hat sich einiges verändert: Mutterschutz und Ka- renz- bzw. Kinderbetreuungsgeld sind längst selbstverständlich, seit 1989 ist auch die Väter-Karenz möglich. 2002 wurde das 1969 eingeführte Nachtar- beitsverbot für Frauen entsprechend dem Gleichbehandlungsgesetz abgeschafft, 2004 wurde die Elternteilzeit eingeführt. Gleich oder gleichwertig? Doch Einkommensgerechtigkeit ist nach wie vor nicht erreicht. Bereits 1953 wur- de das ILO-Abkommen „Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“ vom österrei- chischen Parlament ratifiziert – und ist bis heute noch nicht in allen Bereichen umgesetzt. Ist es tatsächlich schwieriger oder verantwortungsvoller, eine Abtei- lung mit zehn MitarbeiterInnen zu leiten, als eine Kindergruppe zu betreuen? Ist die Arbeit von KrankenpflegerInnen we- niger wert als die von PolizistInnen? Auf- grund der sowohl im Alltagsverständnis als auch in der Arbeitswissenschaft gel- tenden Annahme, Frauen seien für „leich- te“ Arbeit besser geeignet als Männer, wird meist der Umkehrschluss gezogen, Frauenarbeit sei generell leichte Arbeit. Schwere Arbeit wird nach wie vor mit typisch männlichen Tätigkeiten wie etwa im Straßen- oder Wohnungsbau gleich- gesetzt. Emotionale Anstrengungen wie Freundlichkeitsdruck oder die Arbeit im sozialen Bereich werden gemeinhin kaum als schwere Arbeit angesehen. Diskrimi- nierungsfreie Arbeitsbewertung und -or- ganisation – für die es im Übrigen bereits innovative Methoden und Instrumente gibt – ermöglichen tatsächliche Einkom- mensgerechtigkeit. Edeltraud Ranftl, So- ziologin und Expertin für Gleichstel- lungspolitik an der Johannes Kepler Uni- versität Linz, plädiert dafür, Tätigkeiten gezielt mittels standardisierter Systeme zu analysieren und zu vergleichen: „In Belgien etwa sind die Interessenvertre- tungen seit 2012 gesetzlich verpflichtet, Maßnahmen zur Evaluierung und Klas- sifizierung von Funktionen zu setzen.“ Sinnvoll seien auch einheitliche Be- wertungssysteme für ArbeiterInnen und Angestellte. In Österreich gebe es allge- mein noch einigen Informationsbedarf, was gleichwertige Arbeit überhaupt be- deutet. Viele Unternehmen wären über- zeugt, ohnehin nur nach objektiven Kriterien zu beurteilen und einzustufen und erkennen Diskriminierungspoten- ziale nicht. „Dieses komplexe Thema sollte nicht nur im Rahmen der übli - chen Kollektivvertragsverhandlungen ab - gehandelt werden. Um es wirklich vor- anzubringen, wären nationale sektorale Konferenzen sinnvoll.“ Wichtiger Schritt Im März 2011, eine Woche vor dem 100. Weltfrauentag, trat das neue österreichi- sche Gleichbehandlungsgesetz in Kraft. Seitdem muss in Stelleninseraten der Mindestlohn laut KV angeführt werden und Betriebe müssen die Durchschnitts- einkommen von Frauen und Männern offenlegen. Anfangs waren nur Unter- nehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeite- rInnen zu Einkommensberichten ver- pflichtet, seit 2014 müssen die Berichte von allen Betrieben mit mehr als 150 Be- schäftigten erstellt werden. Eine IFES-Umfrage zu den Einkom- mensberichten Anfang 2012, also kurz nach der Gesetzesänderung, bestätigte nicht nur den Handlungsbedarf, son- dern auch den Gender Pay Gap. Dem- nach war jede dritte Arbeitnehmerin Astrid Fadler Freie Journalistin B U C H T I P P Alexandra Weiss (Hrsg.): Systemfehler Spaltungsrhetorik als Entpoli- tisierung von Ungleichheit ÖGB-Verlag, 2014 176 Seiten, € 24,90 ISBN: 978-3-99046-037-5 Bestellung: www.arbeit-recht-soziales.at