Arbeit&Wirtschaft 6/201540 Schwerpunkt Never Ending Story Ob Standesunterschiede, Gender Gap oder digitale Kluft: Ungleichheit ist ein altes Phänomen. Was sich ändert, sind die Erscheinungsformen und Reaktionen darauf. G ottgewollte, „natürliche“ Unter- schiede oder nicht akzeptable Un- gleichheit? Mit dieser Differenzie- rung hielten sich die meisten Ge- lehrten von der Antike bis zur Neuzeit nicht lange auf. Die Teilung der Gesell- schaft in Arme und Reiche, Freie und Skla- ven, Herrscher und Untertanen galt ge- wissermaßen als Naturerscheinung. Im Sinne des christlichen Glaubens versuchte man zwar, durch Mildtätigkeit und Almosen für Waisen, Arme und Kranke das Leid und den Hunger zu lindern – beziehungsweise Bonuspunkte für den Eintritt ins Himmelreich zu sammeln. Doch bereits am Ende des Mittelalters wurde zwischen „würdigen“ und „unwürdigen“ Armen unterschie- den: Erstere waren unverschuldet in Not geraten, während Letztere ihr Unglück selbst verschuldet hatten. „Einheimische, Arbeitswillige, aber Arbeitsunfähige, Ver- schämte, in die Ordnung integrierte wa- ren ‚gut‘ […] Fremde, Arbeitsunwillige, aber Arbeitsfähige, Faule, sich der Ord- nung Entziehende oder gegen sie Agie- rende erhielten das Etikett ‚böse‘“, schreibt der Historiker Helmut Bräuer im Buch „Armut und Reichtum in der Geschichte Österreichs“. Soziale Umwälzungen Kinderarbeit war lange Zeit durchaus an der Tagesordnung. Zum Teil mussten schon Fünfjährige arbeiten, etwa beim Spitzenklöppeln. Dies legitimierte man etwa damit, dass sie frühzeitig an die Ar- beitswelt gewöhnt werden sollten, Wai- senkinder trugen so zu ihrem eigenen Le- bensunterhalt bei. Der Gedanke, dass Ungleichheit und Armut bekämpft bzw. verhindert werden sollten, wurde erst im 18. Jahrhundert durch die Aufklärung populär, die unter anderem die bishe- rige Gesellschaftsordnung infrage stellte. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde in Großbritannien und den USA die Skla- verei verboten. Innerhalb von Afrika al- lerdings florierte der Sklavenhandel bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. So konn- te auf den Feldern und in den Bergwerken der Kolonien maximaler Profit erzielt wer- den. Noch in den 1960er-Jahren schätzte man, dass in Afrika ein Viertel der Be- schäftigten zur Arbeit gezwungen und wie Sklaven behandelt wurde. Doch zurück nach Europa: Die in- dustrielle Revolution mit den gravieren- den Veränderungen der Produktionsme- thoden sorgte für extreme soziale Umwälzungen. Durch die neuen fabriks- mäßigen Maschinenspinnereien verloren ab ca. 1801 allein im heutigen Niederös- terreich innerhalb von zehn Jahren rund 90.000 Menschen ihre Arbeitsmöglich- keiten. In dieser Zeit entwickelte Karl Marx seine Theorie der kapitalistischen Gesellschaft mit unversöhnlichen Klas- sengegensätzen, eine Gesellschaft des Elends, der Ausbeutung und Entfrem- dung. 1867 entstand „Das Kapital“. Erst ab etwa 1870 zeigten sich die positiven Auswirkungen der Industriali- sierung, Löhne und Lebenserwartung stiegen allmählich. Die Kämpfe der Ar- beiterbewegung begannen Früchte zu tragen: Später wurden Unfall- und Kran- kenversicherung eingeführt. Sozial- und Transferleistungen bewirkten, dass Kin- derreichtum, Krankheit und Alter für die große Masse der „Werktätigen“ nicht mehr automatisch soziale Ausgrenzung, Elend und die Abhängigkeit von Almo- sen bedeuteten. Neue Herausforderungen Soziale Ungleichheit besteht dann, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den „wertvollen Gütern“ einer Gesellschaft re- gelmäßig weniger als andere erhalten – so die Definition des deutschen Sozio logen Stefan Hradil. Zu den wertvollen Gütern zählen unter anderem auch Wissen oder persönliche Autonomie. Für liberal oder konservativ gesinnte WissenschafterInnen stellt Ungleichheit bis heute einen unver- zichtbaren Leistungsanreiz dar. Sie argu- mentieren, dass das Gefühl von Ungleich- heit ein wichtiger Antrieb für Kreativität und Wirtschaftswachstum wäre. Anfang der 1970er-Jahre entstand mit der Wohlfahrtsökonomie ein neuer Teilbereich der Volkswirtschaftslehre. Astrid Fadler Freie Journalistin B U C H T I P P Daron Acemoglu, James A. Robinson: Warum Nationen scheitern Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut Fischer Verlag, 608 Seiten, 2013, € 15,50 ISBN: 978-3-596-19558-9 Bestellung: www.arbeit-recht-soziales.at