11Arbeit&Wirtschaft 7/2015 Historie die der Rationalisierungsprozess im Verhältnis von Arbeitern und Angestell­ ten mit sich bringt. Ein … Betrieb der Metallindustrie hat seit 1924, als mit der Rationalisierung im vollen Umfang eingesetzt wurde, bis 1927 rund 64 Pro­ zent der Arbeiter abgebaut, ein Groß­ betrieb der Lebens­ und Genussmittel­ industrie in vier Jahren der Rationali­ sierung 48 Prozent. In den Brauereien von Schwechat, St. Marx und Simme­ ring hat die im Jahre 1926 einsetzende Rationalisierung es ermöglicht, dass 1200 Arbeiter so viel erzeugen wie früher 1500. Aus dem Bericht der Reichskommission der Freien Gewerkschaften für den Gewerkschafts- kongress 1928 entnahm Käthe Leichter ein weiteres Beispiel: Vor der Inbetriebsetzung des laufenden Bandes in der Fahrradabteilung eines österreichischen Betriebes erzeugten 360 Arbeiter monatlich durchschnittlich 600 Fahrräder. In der Fließarbeit werden von 290 Arbeitern monatlich durch­ schnittlich 700 Fahrräder erzeugt. Das ergibt eine Ersparnis von Arbeitskräften von 24 Prozent bei einer gleichzeitigen Erhöhung der Erzeugung von 16,6 Pro­ zent. Die Leistung pro Arbeiter ist dem­ nach in der Fließarbeit um 45 höher als vorher. Die zunehmende Freisetzung von Arbeits­ kräften durch die Rationalisierung und darüber hinaus die Tatsache, dass die – durch- Spät, aber doch begann in den 1920er-Jahren auch in Österreich die Fließbandrevolution. Technologische Innovationen, verbunden mit einer Durchrationalisierung der Arbeitsabläu- fe, erlaubten eine massive Steigerung der Pro- duktivität. Neue Arbeitssituationen und Um- wälzungen auf dem Arbeitsmarkt, eine Zunah- me der ohnehin durchgehend hohen Arbeits- losigkeit inklusive, waren die Folgen. Die Ge- werkschaften sahen sich völlig neuen und in neuer Gestalt auftretenden alten Fragestel- lungen gegenüber. 1929 veröffentlichte der „Ausschuss für ge- werkschaftliche Rationalisierungspolitik“ im freigewerkschaftlichen „Bund der Industrie- angestellten“ das Ergebnis seiner Recherchen und Analysen zur aktuellen Entwicklung. Drei Jahre später, schon mitten in der großen Welt- wirtschaftskrise, fasste die Arbeiterkammer- Expertin Käthe Leichter die wichtigsten Schil- derungen und Aussagen dieser Studie kritisch zusammen: Wie stark … die Rationalisierung tat­ sächlich den Arbeiterstand in den Be­ trieben … beeinflusst hat, zeigen einige Beispiele … In einer österreichischen Metallwarenfabrik waren 1913 zur Herstellung von zirka 3 Millionen Stück einer wertvollen Massenware 1480 Arbeiter notwendig, 1927 zur Her­ stellung von 5,8 Millionen Stück nur 357. Während die Produktion um 94 Prozent stieg, sank die Arbeiterzahl um 76 Prozent. Die Zahl der Angestellten ist dagegen um 137 Prozent gestiegen – bezeichnend für die Verschiebungen, Eine Fehlrationalisierung Die technische und logistische Industrierevolution der 1920er-Jahre stellte die Gewerkschaften vor damals unbekannte Herausforderungen. aus erzielten – Lohnsteigerungen hinter der Steigerung der Arbeitsproduktivität zurück- blieben, stelle wirtschaftlich betrachtet eine Fehlrationalisierung dar, so Leichters Schlussfolgerung. Diese Entwicklung weise die Gewerkschaften mit ihren Aufgaben klar über die bloße Lohnpolitik hinaus zu einer Politik, die den gesamten Wir­ kungen der Rationalisierung entgegen­ tritt. Ausgewählt und kommentiert von Brigitte Pellar brigitte.pellar@aon.at © M us eu m A rb ei ts we lt St ey r Motoren am laufenden Band in Steyr: Nach Studien in den Ford-Werken in den USA begannen die Steyr-Werke 1924 mit der Fließbandproduktion von Autos. „Fordismus“ wurde zum Fachbegriff für die rationalisierte Produktion von Massenkonsumgütern vor der Elektronik- revolution.