Arbeit&Wirtschaft 7/201512 Schwerpunkt D en Herrn Karl gäb’s heute nicht mehr. Als Magazineur schob er die sprichwörtlich „ruhige Kugel“ und monologisierte über Österreich. Heute hetzt der Lagerlogistiker mit seiner „Ameise“ in neonbeleuchteten Hallen um- her, schleppt, schlichtet und scannt Pakete, kontrolliert den Bestand am Computer. Aber auch dieser Job könnte bald Ge- schichte sein. Ein automatisches Fließ- band-Lagersystem beliefert den Robo- Picker, der über optische Bilderkennungs- systeme die Pakete zusammenstellt, die dann von selbstfahrenden Robo-Cars aus- gefahren und beladen werden. 47 Prozent aller Berufsgruppen können durch Auto- matisierung ersetzt werden, berechnete der Oxford-Professor Michael Osborne für die USA. Andere ForscherInnen wiederum prognostizieren ein Jobwachstum durch neue Berufe und Geschäftsmodelle. Erleichterungen Heutzutage hat jeder Job digitale Aspekte, sie können die Arbeit bereichern oder de- qualifizieren. Dank maschineller Assistenz kann ein Mensch mit Behinderung einen anspruchsvollen Arbeitsplatz finden, ei- nem/einer HeimhelferIn wiederum könn- te dank mobiler Eingabe der Dokumenta- tion mehr Zeit für das persönliche Ge- spräch bleiben. Zugleich reduziert die Digitalisierung die menschliche Tätigkeit auf maschinelle Überwachung und Algo- rithmenkontrolle, dann bleibt etwa den ÜbersetzerInnen nur noch das Korrigieren sprachlicher Fehler. Mensch und Maschine kommen ein- ander näher: Roboter Nao wird als Geo- grafiehilfslehrer eingesetzt. Motoman SDA5 kocht mit zwei überdimensionier- ten Greifarmen Krabbensuppe. YuMi baut Seite an Seite mit seinem menschli- chen Kollegen Schaltschränke zusam- men. DaVinci operiert in den USA im- mer öfter Gallenblasen, doch als Ersatz für seine menschlichen KollegInnen ist er noch zu teuer. Anders ist die Lage in der Autoproduktion: Hier kostet die mensch- liche Arbeitsstunde 50 Euro pro Stunde, der blecherne Kollege hingegen nur vier bis sechs Euro. Der Einsatz von Robotern bleibt jedoch nicht ohne Schwierigkeiten. Anfang Juli zeigte der erste tödliche Ro- boterunfall in der Geschichte die Gefah- ren auf – von der Vielzahl an Fragen rund um autonom fahrende Fahrzeuge einmal abgesehen. Die Qualität der Arbeitsbeziehung Mensch?Roboter entsteht erst, unbestrit- ten verändert sie Wertschöpfungsketten und Arbeitsorganisation. „Industrie 4.0 führt in der Sachgüterproduktion zum Personalabbau. Zugleich werden neue hoch qualifizierte Berufe entstehen, um die Maschinen zu steuern und zu kon- trollieren. Arbeitsplätze mit wenig Pro- duktivität wie Regalbetreuung oder Kas- sadienst kommen unter die Räder“, sagt Gernot Mitter, Arbeitsmarktexperte der AK Wien. Die Digitalisierung überträgt die Ma- schinentaktung 24/7 auf die klassische Büroarbeit. Seitdem wir Computer in Ta- schengröße als Smartphones immer bei uns tragen, ist berufliche Erreichbarkeit eine Selbstverständlichkeit. Eine IFES- Studie bestätigt die entgrenzte Arbeits- kultur: Fast die Hälfte der Angestellten verbringt einen Gutteil ihrer Arbeitszeit unterwegs. Aufschlussreich ist, dass die MitarbeiterInnen dies durchwegs freiwil- lig tun, überwiegendend ohne finanzielle oder zeitliche Entschädigung. In den Frühzeiten des Handys war das mobile Büro Inbegriff der neuen Arbeits- freiheit. Heute bevölkern Massen von Laptop-ArbeiterInnen Züge, Kaffeehäu- ser oder Parkbänke, ohne sonderlich fröhlich zu wirken. Dabei könnte es für beide Seiten Vorteile haben: Unterneh- men sparen sich Kosten für Büroinfra- struktur, ArbeitnehmerInnen haben mehr Flexibilität in der Zeitgestaltung und ersparen sich etwa das tägliche Pen- deln. Voraussetzung ist allerdings, dass man lernt, selbst Grenzen zur Arbeit zu ziehen – und dass das Unternehmen eine Kultur pflegt, die dies als Arbeitstugend schätzt. „Deshalb riefen wir die GPA-djp- Kampagne ‚Schalt mal ab!‘ ins Leben“, so Clara Fritsch. Denn die Zunahme psy- chischer Erkrankungen kann im Zusam- menhang mit dieser „Always on“- Men- talität stehen. In Führungskreisen ist Nicht-Erreichbarkeit im Übrigen längst schick: Urlaub in Hotelanlagen mit De- vice-free-Zones sind in, um das Offline- Sein zu genießen. Digitaler Taylorismus Die Digitalisierung macht persönliche Kontrolle des Personals immer weniger wichtig. Genauer als jede Stechuhr und aufmerksamer als jede/r Vorgesetzte kon- trollieren und beurteilen die Arbeitsgeräte R2-D2 4.0 Nimmt uns die Robotik die Arbeit ab oder schafft die Digitalisierung neue Arbeitsplätze oder digitale TagelöhnerInnen? Beatrix Beneder Sozialwissenschafterin, für ihre Dissertation „Das Handy als Ich-Erweiterung“ erhielt sie den Theodor-Körner-Preis