Muße für alle! T reffen sich zwei Schnecken im Wald. Die eine hat ein blaues Auge, worauf sie die andere anspricht. Die Ant- wort: Lief ich neulich durch den Wald, schoss auf einmal ein Pilz aus dem Boden. Zugegeben, das ist der einzige Witz, mit dem ich in Gesellschaft punk- ten kann, denn er ist der einzige, den ich erzählen kann, ohne mich beim Erzählen zu verirren. Es ist eine passende Anekdo- te, wie ich finde: Zeitempfinden ist relativ, Muße wiederum ist nichts anderes als sich zu verirren und zu verlieren. Allein, allzu oft habe ich das Gefühl, als würden dau- ernd irgendwo Pilze in der von Schnecken gefühlten Geschwindigkeit aus dem Bo- den schießen, ohne selbst im Schnecken- tempo unterwegs zu sein. Unproduktiv? Ähnlich scheint es vielen anderen zu gehen, nicht umsonst schießen wiederum Angebote zur Entspannung tatsächlich wie Pilze aus dem Boden – von verschiedenen, bisweilen sündteuren Wellness-Angeboten über Sport in der Natur bis hin zum Asch- ram in Indien. Zugegeben, nicht immer kostet Erholung Unmengen von Geld, ge- rade in Österreich ist ein erholsamer Aus- flug in die Natur sogar sehr günstig mög- lich. Die vielen Medienberichte über Aus- stiege aus der Beschleunigung täuschen aber über etwas sehr Wesentliches hinweg: So manche, die ins Kloster gehen, wo sie Sonja Fercher Chefin vom Dienst Standpunkt © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm dann wirklich ihr Handy ausschalten müs- sen, statt es einfach selbst zu tun, werden für die hohe Geschwindigkeit ihrer Arbeit auch entsprechend finanziell entschädigt. Die meisten ArbeitnehmerInnen erleben eine Beschleunigung am Arbeitsplatz, oh- ne dass sich dies in ihren Löhnen oder Ge- hältern widerspiegelt oder in den Möglich- keiten zur Entschleunigung. Ganz im Ge- genteil: Um den Job nicht zu verlieren, fühlen sie sich geradezu gezwungen, jegli- che weitere Beschleunigung zu bewältigen – bis es eben gar nicht mehr geht und sie im Burnout landen. Sogar die Kur wird unter Generalverdacht gestellt, denn dort mache man ja nichts Produktives. Zurück zur Verteilungsfrage: Damit nicht nur Gut- oder BestverdienerInnen in den Genuss von Entschleunigung kommen, führt kein Weg an einer Ar- beitszeitverkürzung vorbei. Aufschluss- reich ist dabei ein Blick ins Ausland: In Schweden etwa probieren Unternehmen den Sechs-Stunden-Tag aus, und zwar bei vollem Lohnausgleich. Seit Februar gilt dieser in einem Göteborger Pflege- heim für eine Gruppe von PflegerInnen von SeniorInnen. Die Bilanz ist durch- wegs positiv: Die Beschäftigten seien ge- sünder und motivierter, nicht zuletzt sei die Qualität der Pflege deutlich besser geworden (mehr: tinyurl.com/p2qmbrw) – und man hat mehr Personal eingestellt. Aber kommt man damit nicht vom Re- gen in die Traufe? Immerhin ist inzwi- schen auch die Freizeit beschleunigt. Ma- chen wir uns nichts vor: so romantisch die Vorstellungen rund um Muße auch sind, schon früher sollte man etwas Sinn- volles mit der freien Zeit anfangen. So ist es geradezu folgerichtig, dass auch die Freizeit von der Beschleunigung erfasst und darauf abgeklopft wird, ob sie auch wirklich einem Zweck dient. Der von Gewerkschaften hart erkämpfte Urlaub etwa sollte dazu beitragen, dass sich die Menschen regenerieren, um umso kraft- voller wieder an die Arbeit gehen zu kön- nen, nicht zu vergessen, dass sie konsu- mieren sollten, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. So wahr diese Analyse ist, so wenig taugt sie als Gegenargu- ment. Denn warum sollte man Men- schen etwas vorenthalten, nur weil es auch im Interesse der Unternehmen ist? Wozu das alles? Auf der Wiese liegen und einfach nur die Seele baumeln lassen: Das ist einfach wun- derbar! Es hilft dabei, manches zu relativie- ren, das im Eifer des Gefechts wie ein un- überwindbares Problem erscheint – oftmals scheinen Lösungen danach geradezu auf der Hand zu liegen. Vor allem aber ist es ein- fach erholsam. Und es drängt sich mir die Frage auf: Wozu erwirtschaften wir denn eigentlich den ganzen Wohlstand, wenn nicht, damit es den Menschen gut geht und sie es sich gut gehen lassen können?