Arbeit&Wirtschaft 8/201518 Schwerpunkt Ausgeschlafen 24-Stunden-Gesellschaften sind für das Individuum nicht schlaffördernd. Das ist für alle ungesund. S o viel Aufruhr hätte sich Joan Faus, Bürgermeister der kleinen Gemeinde Ador in der spanischen Provinz Valencia, nicht träumen lassen. Zu Sommerbeginn ordnete er an, von zwei bis fünf Uhr nachmittags Ruhe einzuhalten. Die Geschäfte wur- den geschlossen, sogar das Schwimm- bad machte zu. Die rund 1.400 Ein- wohnerInnen folgten dem Siesta-Erlass begeistert, meldeten die Lokalblätter. Landesweit sorgte die Rückkehr zur Mittagsruhe für Schlagzeilen, aus dem Ausland wurde beim Bürgermeister an- gerufen, aus Holland reiste ein Kame- rateam an. Tradition Seit Jahrhunderten hat die Siesta in Spa- nien Tradition. Zur sechsten Stunde nach Sonnenaufgang (sexta hora) kamen die Menschen von den Feldern und aus den Geschäften nach Hause und ruhten sich aus. Sie aßen miteinander und un- terhielten sich im Kreis von Familie und FreundInnen. Es gab die „siesta con pi- jama“ – und die ohne. Wie lange sie auch dauerte: Sie galt als heilig. Als große kul- turelle Leistung bezeichnete der politi- sche Journalist Werner A. Perger die Zeit entspannter Kontemplation, den Brauch, mit dem Generationen hin- durch vor allem im Süden Spaniens der großen Hitze begegnet waren. Als Spanien Mitte der 1980er-Jahre der Europäischen Gemeinschaft bei- trat, wurde schnell klargemacht: Ein Land, dessen AmtsträgerInnen die Mit- tagszeit verdösen, passt nicht in eine effiziente europäische Verwaltung. Grö- ßere Firmen der Privatwirtschaft regel- ten die Siesta – bzw. vielmehr deren Beseitigung – bald über den Kollektiv- vertrag. Weiter beschnitten wurde die Siesta im Jahr 2005, als die Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero die lange Mittagspause für die öffentlich Bediensteten strich. „Reaktion auf die Schuldenkrise“, meldete die „Süddeutsche Zeitung“ am 29. Juli 2012, „Spanien schafft Siesta ab.“ Per 1. September 2012 „durfte“ der Einzelhandel, bis zu diesem Zeit- punkt eines der letzten wenigen Boll- werke gegen die Eliminierung eines Kulturgutes, durcharbeiten. Die wö- chentliche Arbeitszeit wurde von 72 auf 90 Stunden ausgedehnt. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Mittagspause für Geschäfte unter 300 m2 verpflichtend gewesen. Faulenzen „Siempre la siesta“ betitelte der „Spiegel“ einen Beitrag in seiner Ausgabe vom 24. Juni 2013, den der deutsche Politik- wissenschafter Max A. Höfer mit einem Vorwurf einleitete: Durch die Euro-Kri- se würden die SüdeuropäerInnen ge- zwungen, wie die Deutschen zu leben. Konkret beklagt wurde die Abschaffung der Siesta im Herbst 2012 – laut dem deutschen Magazin war diese auf Druck der Euro-Troika zustande gekommen. Denn „Faulenzen“, selbst in brütender Mittagshitze, solle sich ein Land im Staatsbankrott nicht leisten können. „Der Schlaf, der dem müßiggängeri- schen Faulenzen so ähnlich ist, stellt die totale Nutzbarmachung der Zeit funda- mental in Frage“, schreibt Max A. Hö- fer in dem zitierten Artikel. So stünde der Schlaf bei den Puritanern seit jeher unter Generalverdacht. Höfer nennt den Anthropologen Matthew Wolf- Meyer, der in der umfangreichen Studie „The Slumbering Masses. Sleep, Medi- cine and Modern American Life“ zeigt, dass die ursprünglich puritanische, auf Nützlichkeit orientierte Einstellung zum Schlaf bis heute das Verständnis um ihn präge. Selbst die medizinische Schlafforschung der USA hätte lange darauf abgezielt, „den Schlaf zu ameri- kanisieren, indem sie sich auf Effizienz und Schlafmanagement konzentrierte“. Der Kapitalismus, so der deutsche Ökonom und Politikwissenschafter Höfer, mache systematisch aus der Nacht einen Tag. Schlaf gelte mittler- weile als Managementproblem, das prinzipiell lösbar sei, wenn man nur rationale Mittel, etwa Medikamente, anwende. „Die Frage, ob und wann in Gabriele Müller Freie Journalistin B U C H T I P P Jonathan Crary: 24/7: Schlaflos im Spätkapitalismus Aus dem Englischen von Thomas Laugstien Wagenbach-Verlag, 112 Seiten, 2014, € 15,40 ISBN: 978-3-8031-3653-4 Bestellung: www.arbeit-recht-soziales.at