Arbeit&Wirtschaft 8/201520 Schwerpunkt A m siebten Tage sollst du ruhen“, heißt es in der Genesis. Judentum, Christentum und Islam kennen einen arbeitsfreien Tag. Bis ins 19. Jahrhundert war der „Tag des Herrn“ völlig arbeitsfrei. Mit der Maschinentak- tung der Industrialisierung geriet der ar- beitsfreie Sonntag immer stärker unter Druck, heute geht dieser Druck von der Liberalisierung und Digitalisierung aus. In manchen osteuropäischen Ländern ist die Sonntagsruhe nahezu völlig abge- schafft, andere wie Südtirol nehmen Öff- nungsregelungen wieder zurück. Wie ak- tuell oder antiquiert ist die absolute Sonn- tagsruhe? Jedenfalls gehört der Kampf für einen arbeitsfreien Sonntag zu den zen- tralen gewerkschaftlichen und christlich- sozialen Anliegen Kulturgut Sonntag Takt und Rhythmus prägen die Natur (Tages-, Jahreszeiten), aber auch Kultur. „Feier- und Festtage sind schützenswerte Zeitarten, die immer stärker gefährdet sind“, meint Margit Schäfer vom Verein zur Verzögerung der Zeit. Der Sonntag ist ein letzter Rest vormoderner allgemei- nen Feierkultur, weitgehend abgelöst durch eine individualisierte Freizeitkul- tur, vielleicht abgesehen vom Tatort-Kri- mi, der für viele fast ein Sonntagabend- ritual ist. Menschen brauchen Rituale. Der Sonntag hat viele hervorgebracht: Sonntagskleidung, -braten oder -spazier- gang. Der Sonntagsspaziergang ist ein beliebtes Sujet der bildenden Kunst. Ein- prägsam karikiert Carl Spitzweg den Sonn- tagsspaziergang als Inszenierung bürger- licher Familienidylle, die Kommunikati- onsarmut und männliche Dominanz zum Vorschein bringt. Der Kern bleibt positiv, nicht umsonst gibt es die Rede- wendung „dass etwas kein Sonntagsspa- ziergang gewesen ist“, um eine mühsame Angelegenheit zu beschreiben. Sonntagsneurose Doppelgesichtiger Sonntag: ein arbeits- freier Feiertag, der zugleich andere Zwän- ge sichtbar macht. Der austro-ungarische Psychoanalytiker Sándor Ferenczi spricht von Sonntagsneurosen. 1919 beschreibt er in einem Aufsatz die sonntäglich wie- derkehrenden Kopf- und Bauchschmer- zen Jugendlicher, für die es keinen er- kennbaren körperlichen Grund gibt. Be- freit von den Fesseln, die uns Pflichten und Zwang auferlegen, mobilisiere diese innerliche Befreiung „Selbstbestrafungs- fantasien“, die sich mit diesen Sympto- men äußern. Der Neurologe Viktor E. Frankl erklärt die Sonntagsneurosen als mangelnde Sinnerfahrung, die Men- schen an arbeitsfreien Tagen erfahren, indem sie in eine Art existenzielles Va- kuum kippen. „Wenn es nur einen Wert in meinem Leben gibt und ich mich neurotisch in meine Arbeit stürze als eine Flucht, dann ist der Entzug schmerzhaft“, so Harald Pichler vom Viktor Frankl Zen- trum Wien. Nach 15 Jahren Manage- menterfahrung berät er heute Unter- nehmen, um Sinnfragen in die Firmen- organisation zu integrieren. Arbeitsfreie Zeit macht nicht alle Menschen glück- lich. Überraschend ist, dass gerade Hochqualifizierte darunter leiden. Eine empirische Studie der Hamburger Wirt- schaftswissenschafter Wolfgang Maen- nig und Malte Steenbeck wertete das Glücksverhalten von 34.000 Personen in einem Zeitraum von sechs Jahren aus. Bei Männern wie Frauen mit akademi- scher Ausbildung sinkt die Zufrieden- heitsskala am Sonntag auf 7 ab, steigt am Montag – als glücklichster Tag der Woche – auf 7,2 an (Skalenwert 10 steht für sehr zufrieden). Der allgemeine Zu- friedenheitswert liegt mit 6,8 bei wenig Qualifizierten deutlich darunter, rutscht aber sonntags kaum ab. Frauen aus die- ser Gruppe sind mit 6,7 Punkten am Wochenende am unglücklichsten. Krankmacher Sonntagsarbeit? Ob Sonntagsneurose, -krankheit, -de- pression oder Sonntagabendsinnkrise: Auch wenn an diesem Tag gelitten und gestritten wird – arbeiten sollte man bes- ser nicht. Das deutsche Bundesamt für Arbeitsschutz und -medizin ließ eine Stu- die über die gesundheitlichen und sozia- len Auswirkungen langer Arbeitszeiten erstellen, rund 50.000 Menschen nah- men daran teil. Das Ergebnis: Sonntags- und Wochenendarbeit stellen einen zu- sätzlichen Belastungsfaktor für psy- chisch-vegetative Beeinträchtigungen dar, auch die negativen Folgen für das Sozialleben sind erheblich, so die Studi- enautorin Anna Wirtz. Maßgeblich ist aber die wöchentliche Gesamtarbeitszeit und mangelnde Planbarkeit. Denn allein an dem Tag kann es nicht liegen. In Gast- Die gefährdete Zeitart Eine europäische Allianz macht sich für den freien Sonntag stark. Zugleich leiden manche an der verordneten Ruhe. Was sagt das über unsere Arbeitsgesellschaft aus? Beatrix Beneder Sozialwissenschafterin