Arbeit&Wirtschaft 8/2015 27Schwerpunkt weiterer Nachteil des bisherigen Garan- tielohnsystems: Es ist für Firmen mit ei- nem hohen bürokratischen Aufwand ver- bunden – die Einstufung der Mitarbeite- rInnen war teilweise kaum nachvollziehbar. Überholte Hierarchien Auch im Kollektivvertrag wurden die Beschäftigungsgruppen neu definiert. Schließlich hat sich in den vergangenen Jahren auch die Arbeitsaufteilung stark verändert. „Klassische Hierarchien, wo es einen Oberkellner gibt, der nur für das Kassieren zuständig ist, und Zuträger und Abservierer im Dienst sind, gibt es kaum mehr“, so Tusch. Heute gibt es vor allem gleichrangige ServicemitarbeiterInnen. Ebenso haben sich die Rollen in der Ho- tellerie verändert. Frühstück wird nicht mehr serviert, sondern die Gäste bedienen sich selbst. Berend Tusch: „Dafür werden allerdings weniger qualifizierte Kräfte ge- braucht.“ Die Neuerung im Kollektivver- trag sieht vor, dass es nun fünf Beschäfti- gungsgruppen gibt, die allein durch ihre Tätigkeit und nicht durch ihre Bezeich- nung definiert sind. Fachkräfte werden im Kollektivvertrag deutlich von Hilfs- kräften unterschieden. Der neue Festlohn gilt immerhin be- reits in den Bundesländern Wien, Nie- derösterreich und seit Kurzem auch wahlweise in der Steiermark. Die ande- ren Bundesländer, allen voran die Touris- mushochburgen wie Salzburg, Kärnten, Tirol und Vorarlberg, fehlen noch. Ein Grund dafür ist die unterschiedliche Be- zahlung. Die Kollektivverträge haben bisher auf bundesländerspezifische Ei- genheiten Rücksicht genommen. Etwa, dass der Westen sehr von der Sommer- und Winter-Tourismus-Saison abhängig ist. „Die Bundesländer müssen langsam angeglichen werden“, führt Tusch aus. Kurios ist auch die Situation am Semme- ring. Wer dort auf der steirischen Seite mit dem Kellnern anfängt, verdient 1.400 Euro brutto. Wird der Dienst auf der niederösterreichischen Seite ausge- übt, starten Betroffene hingegen mit ei- nem Gehalt von 1.620 Euro brutto. Ebenfalls geändert wurde der Durch- rechnungszeitraum, für Vollzeitkräfte wurde er von 13 auf 26 Wochen erhöht. Darüber hinausgehende Überstunden müssen finanziell abgegolten werden, auch ist ein Zeitausgleich nur innerhalb eines Durchrechnungszeitraumes mög- lich. Es bleibt Unternehmern weiterhin überlassen, ob sie ihre MitarbeiterInnen am Umsatz beteiligen, doch die unters- ten Lohngruppen sind nunmehr abgesi- chert. „Das ist uns ganz wichtig“, sagt Tusch. Bis 2018 soll der Mindestlohn von derzeitig 1.400 Euro auf 1.500 Euro erhöht werden. Alltäglicher Stress Trotz allem ist es nicht leicht, in dieser Branche zu arbeiten. Stress ist alltäglich, gleichzeitig ist es besonders wichtig, freundlich zu den Gäste zu sein. Das kann auf Dauer schwierig werden. „Wir brau- chen mehr Nachhaltigkeit“, ist sich Tusch sicher und fordert die Betriebe auf, mehr Beschäftigte einzustellen. Die Weltwirt- schaftskrise hat die Gastronomie empfind- lich getroffen – aus einem Übergangszu- stand, als zahlreiche Unternehmen in Be- drängnis waren und von ihrem Personal durch finanziellen Verzicht unterstützt wurden, ist eine Dauerlösung geworden. Einerseits gibt es im Tourismus mitt- lerweile Nächtigungsrekorde und Öster- reichs Stellenwert als Tourismusland ist weltweit hoch – die Arbeitsbedingungen aber haben sich dem ganz und gar nicht angepasst. „Was vor der Krise zwei bis drei Menschen erledigt haben, das macht jetzt einer“, erklärt der Vorsitzende des Fachbereichs Tourismus. Vergessen wer- de gerne, dass Gäste vor allem Aufmerk- samkeit benötigen. Gut betreute Men- schen, perfekter Gastgeber mit Charme – diese Arbeit ist in Zeiteinheiten schwie- rig zu definieren. Unternehmen versuchen allerdings, die aufgewendete Betreuungszeit zu be- grenzen – einerlei, ob im Hotel-Check-in oder bei der Kommunikation mit Gäs- ten. „Wir sind aber kein Produktionsge- werbe, wo Maschinen auf- und abge- dreht werden. Bei uns im Tourismus zählt die zwischenmenschliche Ebene – und die nimmt nun einmal mehr und einmal weniger Zeit in Anspruch. Das kann nicht einfach durch eine Kalkulati- on berechnet werden.“ Internet: vida-Umfrage: tinyurl.com/ojn83q2 Schreiben Sie Ihre Meinung an die AutorInnen resei@gmx.de sophia.fielhauer@chello.at oder die Redaktion aw@oegb.at Die Arbeitsbedingungen im Tourismus sind schlecht – paradoxerweise. Denn im Tourismus zählt die zwischenmenschliche Ebene. © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l