Z eit ist eine der wichtigsten Ressour- cen, die wir Menschen zur Verfü- gung haben. Neben der Bezahlung sind es daher Fragen der Arbeits- zeitgestaltung, die uns im gewerkschaft- lichen Alltag am intensivsten beschäfti- gen. Quer über alle Branchen haben sich die Vertreter von Industrie und Wirt- schaft ein Patentrezept zurechtgelegt, das lautet: Länger arbeiten, mehr Überstun- den machen, später in Pension gehen, noch flexibler werden. Damit den Ar- beitnehmerInnen dabei nicht die Moti- vation verloren geht, wird dazu regelmä- ßig die Keule des Jobverlustes geschwun- gen. Und wenn trotz allem die verspro- chene positive Wirkung auf die Unter- nehmen und die Wirtschaft ausbleibt, dann muss nicht das Rezept überdacht, sondern die Dosis erhöht werden. Absurde Situation Die Konsequenz dieser Strategie ist, dass wir uns in einer absurden Situation wie- derfinden. Immer mehr Menschen ar- beiten an ihrem absoluten persönlichen Limit und darüber hinaus. Mit immer weniger Personal soll ein immer größeres Arbeitsvolumen bewältigt werden. Mehr als 270 Millionen Überstunden wurden allein im Vorjahr in Österreich geleistet. Jede fünfte Überstunde bleibt unbezahlt. Diesem Überstundenwildwuchs stehen aktuell fast 320.000 Menschen gegen- über, die gar keine Arbeit haben. Aber wehe dem, der in dieser Situation auf die Idee kommt, etwas an der Verteilung der Arbeitszeit verändern zu wollen. Der wird von Wirtschaftskammer und In- dustriellenvereinigung sofort ins Retro- Eck gestellt und als Bedrohung für die Wirtschaft bezeichnet. Gefährdung der Wirtschaft Dabei ist es retro und eine Gefährdung für die Wirtschaft, wenn man sein Re- zept auch dann nicht ändert, wenn es nachweislich keinen Erfolg bringt. We- niger arbeiten und mehr Zeit zum Leben zu haben liegt nicht nur im Interesse der Einzelnen. Auch die Unternehmen pro- fitieren davon, wenn die Beschäftigten nicht ausschließlich am Limit arbeiten, sondern ausgeruht zur Arbeit kommen. Permanenter Leistungsdruck und Stress verhindern Kreativität und zerstören Motivation. Ein solches Arbeitsumfeld schadet auch den Unternehmen massiv und verursacht Folgekosten, die im kurz- fristigen Profitdenken nicht mitberück- sichtigt werden. Wir brauchen eine neue faire Ver- teilung der Arbeitszeit und Arbeitszeit- modelle, die den ArbeitnehmerInnen mehr Zeit zum Leben lassen, Zeit für Familienleben, Regeneration, Sport oder Weiterbildung sowie Teilhabe am politischen und kulturellen Leben. Männer wie Frauen brauchen mehr Zeit, wenn sie kleine Kinder zu Hause haben oder eine/n Angehörige/n pfle- gen, ebenso wollen sie vielleicht gegen Ende des Berufslebens langsam weniger arbeiten. Dazwischen kann es Phasen geben, wo Beruf und Karriere wichtig sind und sie gerne viel arbeiten. Aus- maß und Lage der Arbeitszeit entspre- chend der jeweiligen Lebensphase selbst bestimmen zu können kann enorm viel Druck wegnehmen und ganz wesentlich zur psychischen und physischen Gesundheit beitragen. Beschäftigungswachstum Notwendig ist eine Reduktion von Überstunden genauso wie die Verlänge- rung des Urlaubs und eine generelle Ver- kürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden. Auf Sabbaticals und Auszeiten muss ein Rechtsanspruch bestehen. Und wir sagen All-in-Verträgen den Kampf an. Wenn es gelingt, ein Drittel der Überstunden – nämlich jene, die regel- mäßig anfallen – in mehr Arbeitsplätze umzuwandeln, wären das über 50.000 Vollzeitarbeitsplätze. Eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden, also um 10 Prozent, würde ein Beschäf- tigungswachstum von rund 100.000 neuen Jobs bringen. Die Augen vor sol- chen Argumenten zu verschließen und nur an den kurzfristigen Profit zu den- ken ist nicht nur wirtschafts-, sondern auch zukunftsfeindlich – man könnte auch sagen retro. Mehr Zeit zum Leben Nicht zuletzt © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm Wolfgang Katzian Vorsitzender der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier