Arbeit&Wirtschaft 9/20158 Interview Arbeit&Wirtschaft: Es heißt immer, Bildung ist eine Chance und deshalb müssen wir mehr für unsere Bildung tun. Stimmt das? Christiane Spiel: Studien zeigen eindeu- tig über sehr viele Länder hinweg: Je hö- her die Bildung ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein hö- heres Einkommen hat, dass jemand ge- sünder ist und länger lebt. Natürlich hängt das auch davon ab, in welche Be- rufssparten man geht, weil das Einkom- men, die Chancen am Arbeitsmarkt und die Aufstiegschancen sehr unterschied- lich sein können. Aber in Summe kann man das sehr wohl so sagen. Krankheiten wie Alzheimer treten zum Beispiel bei Personen mit höherer Bildung im Mittel um bis zu fünf Jahre später auf. Das hat damit zu tun, dass eine höhere Bildung meist auch bedeutet, mehr über einen gesunden Lebensstil zu wissen, mehr Be- wegung zu machen, eher zum Arzt zu gehen, den passenden Arzt zu wählen und so weiter. Bildung wirkt sich also auf das ganze Leben aus? Ja, und es ist vor allem so, dass die Per- sonen, die von Anfang an gerne und viel gelernt haben, das ihr Leben lang auf- rechterhalten. Damit ist die Wahrschein- lichkeit größer, dass es ihnen gut geht, dass sie gesund sind, dass sie sich selbst versorgen können und dass sie mehr In- teressen haben. Denn plötzlich zu sagen „So, und jetzt fange ich an zu lernen“, wenn man es in früheren Jahren nicht getan hat – das fällt sehr schwer. Seit Jahren spricht man vom „lebens- langen Lernen“. Manche sagen, das klingt ein bisschen wie „Lebensläng- lich“ beim Gefängnis. Lebenslanges Lernen als bedrohlich zu empfinden, basiert auf einem Missver- ständnis. Denn das heißt ja nicht, dass ich ununterbrochen lerne. Es heißt nur, dass ich offen bin für Neues, dass ich es interessant finde, neue Dinge zu lernen und zu erfahren. Es geht darum, dass ich Gelegenheiten zum Lernen aufgreife und es nicht als Bedrohung sehe, wenn ich mich im Beruf weiterbilden soll. Weiter- bildung schafft mir ja mehr Optionen, zum Beispiel für einen Aufstieg. Wenn ich mich während meiner Be- rufstätigkeit öfter weiterbilde, werde ich das nach der Pensionierung auch eher beibehalten. Wenn wir uns die Alterspy- ramide anschauen, wird das immer not- wendiger werden, weil immer mehr Menschen älter werden, und es immer weniger Junge gibt, die die Älteren er- halten können. Eine höhere Bildung, ein Interesse an Neuem, erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich gut selbst organisieren und selbst erhalten kann. Weiterbildung im hohen Alter hat noch etwas Positives: Sie schafft die Ba- sis für soziale Beziehungen. Je älter ich werde, desto mehr steigt die Wahr- scheinlichkeit, dass Menschen, mit de- nen ich Kontakt hatte, sterben. Das be- deutet, dass ich vereinsame. Wenn ich in die Volkshochschule gehe, einen Sprach- kurs mache oder Reisen unternehme, dann lerne ich dort Menschen kennen, die gleiche Interessen haben. Damit habe ich die Möglichkeit, auf Basis die- ser gemeinsamen Interessen neue soziale Beziehungen einzugehen. Viele Menschen haben Angst, dass sie sich mit steigendem Alter nichts mehr merken. Die gute Nachricht ist, und das belegt die Forschung: Lernen ist in jedem Le- bensalter möglich. Natürlich ist es so, dass gewisse Dinge im Alter schwerer gehen, aber nicht alles. Wichtig ist dabei die Basis, das heißt, dass ich bereits in jungen Jahren neugierig auf Neues bin und mir das erhalte. Eigentlich sollte die Schule den Grundstein dafür legen und auch vermitteln, wie man lernt. Lernen ist ja ein Prozess: Ich überle- ge mir, was ich lernen möchte und wel- che Ziele ich mir setze. Ich brauche das Selbstvertrauen, dass ich es schaffen Chancen für Bildung! Bildungspsychologin Christiane Spiel über zu frühe Entscheidungen, weitergegebene Stereotypen und darüber, warum manche Schulen mehr Geld bekommen sollten. Z U R P E R S O N Christiane Spiel Christiane Spiel begann ihre Be- rufslaufbahn als Gymnasialleh- rerin für Mathematik und Ge- schichte. Danach studierte sie Psychologie an der Universität Wien und war als Wissenschafte- rin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und an der Universität Graz tätig. Sie hat die Bildungspsychologie als wis- senschaftliche Disziplin begründet und ein Struktur- modell konzipiert, das die Bildungskarriere und le- benslanges Lernen ins Zentrum stellt. Sie ist unter anderem Mitglied der Zukunftskommission für das Österreichische Schulwesen und des Entwicklungs- rats für die PädagogInnenbildung NEU in Österreich.