Arbeit&Wirtschaft 9/2015 9Interview werde. Und ich brauche Lernstrategien: Wie teile ich mir die Zeit ein, brauche ich jemanden als Unterstützung, brau- che ich Materialien dazu und so weiter. Und zum Schluss reflektiere ich, wie der Lernprozess gelaufen ist und was ich da- raus für das nächste Mal lernen kann. Es kommt noch etwas dazu in höhe- rem Alter: Wir haben zwei grobe Berei- che der Kognition. Der eine hat zu tun mit dem Arbeitsgedächtnis und der Konzentrationsfähigkeit, wir nennen das die Mechanik. Da haben wir schon relativ früh eine Abnahme, die beginnt schon um das Alter von 20 Jahren. Der zweite Bereich, die Pragmatik, ist das er- worbene Wissen, das ich weiter aufbau- en und vernetzen kann. Das Schöne ist, da sind die älteren Personen besser, weil die jungen noch nicht so viele Wissens- bestände haben. Über etwas drüber schauen, etwas Größeres organisieren und vieles dabei im Blick zu haben, das ist etwas, was wir bis ins hohe Alter rela- tiv gut aufrechterhalten können. Wir sollten deshalb nicht nur auf die Verlus- te achten, sondern auf das, was wir gut können. Dann macht das Lernen mehr Freude. Wenn man über Chancen durch Bil- dung spricht, muss man auch schauen, ob man überhaupt die Chance zur Bil- dung hat. Da steht ja Österreich nicht so gut da. Wo liegen da die Probleme? Die Statistiken zeigen, dass in erster Li- nie niedriger sozioökonomischer Status zu Benachteiligungen führt. Das zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen. Es beginnt schon vor Schuleintritt, weil Kinder aus solchen Haushalten oft we- niger gefördert werden, sodass der Start in der Schule schwerfällt. Das heißt, man sollte zu dem einen verpflichten- den Kindergartenjahr und dem Sprach- screening am besten ein zweites ver- pflichtendes Kindergartenjahr einfüh- ren und auch ein breiteres Entwick- lungsscreening machen. Denn es geht nicht nur um Sprache, sondern auch um Instruktionsverständnis, Empathie, Re- gelverständnis, Umgang mit Rückmel- dungen oder auch Frustrationstoleranz, also ob ein Kind, wenn etwas nicht klappt, gleich verzweifelt. Eine weitere schwierige Situation ist der Übergang von der Volksschule in die weiterführende Schule. Die Volks- schullehrerin bzw. der Volksschullehrer ist die Person, die mit ihrer Benotung die Entscheidung über den Zugang zum Gymnasium trifft. Von höher ge- bildeten Eltern wird oft Druck ausge- übt, dass ihr Kind unbedingt ins Gym- nasium gehen muss. Nicht jede Lehre- rin, jeder Lehrer kann diesem Druck standhalten – und gibt dann bessere Noten, als gerechtfertigt wäre. Die Übergangsentscheidung hängt nur zu 30 Prozent mit den Leistungen der Kin- der zusammen und zu 70 Prozent mit dem Wunsch der Eltern. Diese frühe Entscheidung für einen Schultyp bedingt dann spätere Ent- scheidungen. Nach der 8. Schulstufe besuchen viel mehr Kinder, die schon in der Unterstufe im Gymnasium wa- ren, eine Schule, die zur Matura führt, als Kinder, die aus der Neuen Mittel- schule kommen. Auch das Milieu in einer Schule spielt eine große Rolle. Bei den neuesten Analysen der Standarder- hebungen – das sind die ersten Erhe- bungen in Österreich, an denen alle Kinder teilnehmen – zeigt sich ganz stark, dass nicht nur der eigene sozio- ökonomische Hintergrund oder ein Migrationshintergrund eine Rolle spielt, sondern auch, wie eine Klasse zusam- mengesetzt ist. Wenn in einer Klasse vie- le Kinder sind, die ebenfalls keine gute Ausgangssituation haben, steigt das Ri- siko für das individuelle Kind deutlich an, die geforderten Leistungen nicht zu erbringen. Wie könnte man das vermeiden? Im nächsten Nationalen Bildungsbericht, dessen Mitherausgeberin ich bin, gibt es ein eigenes Kapitel dazu. Danach sollten alle Klassen hinsichtlich des sozioöko- nomischen und des Migrationshinter- grundes der Kinder eine Mischung auf- weisen. Davon profitieren alle, da dann auch der Konkurrenzdruck nicht so groß ist. Hilfreich wäre ein Sozialindex, das heißt, dass die Schulen nicht pro Kind einen bestimmten Betrag bekom- men, sondern auf den sozioökonomi- schen Status und den Migrationshinter- grund Rücksicht genommen wird, und Schulen, die hier höhere Anteile haben, auch mehr Geld bekommen. Die Schulen bräuchten auch mehr Autonomie, damit sie das Geld je nach Bedarf für zusätzliche Sozialarbeiterin- nen und Sozialarbeiter oder mehr Sprachlehrer und Sprachlehrerinnen oder kleinere Gruppen einsetzen kön- nen. Wien ist da übrigens am meisten benachteiligt, weil immer mehr Men- © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Vor allem der niedrige sozioökonomische Status führt zu Benachteiligungen in der Schule, hält Bildungspsychologin Christiane Spiel fest.