11HistorieArbeit&Wirtschaft 9/2015 Von solchen Überlegungen ausgehend, setzten sich 1995 Bildungsverantwortliche und Bil- dungsexpertInnen aus ÖGB und AK in einer Arbeitsgruppe zusammen, um den Koordina- tionsbedarf festzustellen und die notwendigen Weichenstellungen vorzunehmen. Das Ergeb- nis der Diskussionen war ein gemeinsames Programm, das im Mai 1996 die Zustimmung des Vorstands der Bundesarbeitskammer und im Juni 1996 die Zustimmung des ÖGB-Prä- sidiums erhielt. Es handelte sich um ein sehr nüchternes Organisationskonzept, das völlig auf „blumige“ Formulierungen verzichtete, aber vielleicht gerade deshalb den Anstoß zu Veränderungen gab. Als „Kriterien für die Durchführung des Programms“ wurden unter anderem folgende Richtlinien festgelegt: » Prinzip der Programmstruktur: Auf- steigende Kursteilnahme – keine Teil- nahme an Spitzen- und Spezialkursen, wenn die Grund- und Aufbaustufen nicht absolviert sind. … » Berücksichtigung der speziellen Situ- ation der Teilnehmer (wie Freistellung, Verdienstentgang, Betriebsart, Ge- schlecht, Alter, regionale Besonderheiten, Vorbildung). » Mehr Zeitflexibilität bei den Kurs- formen (Rücksichtnahme auf das Zeit- budget und atypische Arbeitszeiten …). » Bessere Verknüpfung zwischen den Bildungsbedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe und den Bildungszielen der „Anbieter“ (mehr Qualifizierungs- angebote; ständige Verbindung von Qualifikation und politischer Bil- dung; …). 1996 feierte die zentrale Bildungsorgani- sation des ÖGB ihr 50-jähriges Bestehen. Als Schlussfolgerung aus dem Rückblick auf diese 50 Jahre schrieb Wolfgang Greif, damals pädagogischer Mitarbeiter des Bildungs- referats: Da ist … als Moment zu sehen, dass sich GewerkschaftsfunktionärInnen und Be- legschaftsvertreterInnen … zunehmend der Legitimationsdiskussion stellen müssen. … Gewerkschaftliche Bildungs- arbeit muss hier gemeinsam mit den Belegschaftsvertretungen Modelle ent- wickeln, wie auch ArbeitnehmerInnen eines „modernen“ Typs die Notwendig- keit der Organisation ihrer Interessen deutlich gemacht werden kann. Struk- turell kann diese Herausforderung wohl nur durch eine Konzentration der Kräf- te innerhalb des Organisationsgeflechts arbeitnehmerorientierter Bildungsar- beit bewältigt werden. Denn auch der Kernbereich gewerkschaftlicher Er- wachsenenbildung präsentiert sich heu- te als ein breitgefächertes System unter- schiedlicher Bildungsträger und Ein- richtungen. Dieses System umfasst die traditionellen Bereiche der Gewerk- schaftsbildung als Kern der Organisa- tionsarbeit ebenso wie hochqualifizier- te Spezialausbildungen in der Funkti- onäreschulung. Für die Weiterentwick- lung dieses Systems ist es unabdingbar, dass ÖGB, Gewerkschaften und die Kammern für Arbeiter und Angestellte ihre Kooperation aufrecht erhalten und weiter intensivieren. Das Programm 1996 beschlossen ÖGB und Bundesarbeitskammer ein gemeinsames Bildungs- programm. Damit legten sie die Basis für notwendige neue Entwicklungen. Bildungsmanagement ist ein lebendiger Pro- zess. Manche der Projekte des Programms be- standen den Praxistest nicht oder mussten unter neuen Rahmenbedingungen neu konzi- piert werden, andere dagegen wirken bis ins 21. Jahrhundert. So sind zum Beispiel die ÖGB- AK-Bildungsforen in den Bundesländern aus den 1996 angeregten „ÖGB-AK-Ausschüssen für gewerkschaftliche Bildungsarbeit“ hervor- gegangen. Ausgewählt und kommentiert von Brigitte Pellar brigitte.pellar@aon.at © A K Bi bl io th ek W ie n. Die Bildungskooperation von ÖGB und AK war immer eng, ein Beispiel ist die Infor- mationskampagne zum Arbeitsverfassungs- gesetz 1974. Mit dem AK-Gesetz 1992 erhielt sie dann eine gesetzliche Grundlage – auch das war ein Motiv für das Ausarbeiten des gemeinsamen Bildungsprogramms.