Arbeit&Wirtschaft 9/201512 Schwerpunkt A lexandra lebt am Land und besucht die örtliche Hauptschule. Sie hat nicht die gleichen Bildungschan- cen wie andere Kinder!“ Mit die- sen Worten steigt eine neue Homepage in die zentrale Herausforderung der ös- terreichischen Bildungspolitik ein: die Vererbung von Bildung. Unter www.gerechtebildung.jetzt kann man für ein Kind verschiedene Kriterien auswählen und sich ansehen, welchen Bildungsweg es am wahrscheinlichsten einschlagen wird – je nachdem, ob es ein Mädchen oder ein Bub ist, ob es am Land oder in der Stadt wohnt, nicht zu vergessen: welchen Bildungsabschluss die Eltern haben und welche Sprache die Familie im Alltag spricht. Außerdem kann man ein zweites Kind ergänzen und somit Bildungswege vergleichen. Die andere Herkunft Nennen wir das zweite Kind Franz. Er lebt ebenfalls am dünn besiedelten Land und hat Eltern, die Pflichtschulabsolven- tInnen sind. Das Ergebnis: Beide werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nach der Volksschule eine Hauptschule besuchen (mehr als 80 Prozent). Fast gar nichts än- dert sich, wenn man die Alltagssprache von Alexandra und Franz auf „Nicht Deutsch“ ändert. Beide Kinder werden ebenso wie ihre im Alltag Deutsch spre- chenden Schulkolleginnen mit großer Wahrscheinlichkeit ins Poly gehen, an eine Berufsbildende Höhere (BHS) oder Mittlere Schule (BMS). Völlig anders sieht es hingegen aus, wenn die Eltern ein Studium absolviert haben: In diesem Fall gehen Alexandra und Franz sehr wahrscheinlich auf eine AHS (39 und 31 Prozent) oder eine BHS (12 bzw. 18 Prozent). Die vom Jahoda-Bauer-Institut, dem BIFIE und dem Bildungsministerium geförderte Homepage illustriert damit ein Prob- lem, unter dem das österreichische Bil- dungssystem leidet: Der Bildungshin- tergrund und die sozioökonomische Herkunft der Eltern entscheiden darü- ber, welche Bildungswege die Kinder einschlagen werden – und nicht die eth- nische Herkunft, wie es Rechtspopulis- tInnen gerne propagieren. Der Nationa- le Bildungsbericht aus dem Jahr 2012 formuliert deutlich: „Die soziale Her- kunft ist die zentrale Ungleichheitsdi- mension. Sie wirkt sich durchgehend in der Bildungslaufbahn auf den Kompe- tenzerwerb und den Schulbesuch aus.“ Auch eine andere Herkunft bestimmt über den Bildungsweg der Kinder: Die schulische Herkunft nämlich, und zwar noch dazu sehr früh. „Die wahrschein- lich wichtigste Entscheidung in der Bil- dungskarriere eines Kindes, die Wahl zwischen Hauptschule bzw. Neue Mit- telschule und AHS, muss in Österreich bereits mit 10 Jahren getroffen werden – hauptsächlich bestimmen das die El- tern. Ist ein Bildungsweg einmal einge- schlagen, wird dieser, unabhängig von der Schulleistung, meist weiterverfolgt“, heißt es etwa auf www.gerechtebildung. jetzt. Außerdem hat diese frühe Ent- scheidung Einfluss auf die Leistungen der Kinder selbst. Vergleiche mit ande- ren Ländern zeigen, so der Nationale Bildungsbericht, dass beispielsweise die Leseleistung der Kinder in jenen Län- dern weniger vom sozioökonomischen Status der Eltern abhängt, wo die „Erst- selektion“ erst mit 16 Jahren stattfindet. Mittlerweile setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass der Grund- stein für Ungleichheiten bereits im Kin- dergarten gelegt wird. Der Ausbau der Kindergartenplätze in den vergangenen Jahren zeigt, dass der Besuch des Kinder- gartens für die Kinder positive Effekte hat. Allerdings besteht weiter Hand- lungsbedarf, immerhin stellt der Natio- nale Bildungsbericht auch fest, dass es der Einrichtung nicht gelingt, Kinder aus sozial benachteiligten Familien stär- ker zu fördern. Stärke des Systems Viel wurde unternommen, um Chancen- gleichheit im Bildungssystem zu errei- chen. Nicht zuletzt die Berufsbildenden Schulen ermöglichten und ermöglichen vielen Kindern aus sogenannten bil- dungsfernen Schichten den Zugang zur Universität. Immerhin bieten sie beides: Die Möglichkeit, ein Studium zu begin- nen, sowie den direkten Einstieg in den Beruf nach der Matura. Letzterer kann für sozial schwächere Eltern deshalb von Bedeutung sein, weil sie ihre Kinder nicht mehr mit ihren ohnehin bescheidenen finanziellen Ressourcen weitertragen müssen. Im Nationalen Bildungsbericht ist vor diesem Hintergrund davon die Rede, dass die Berufsbildenden Schulen „die Stärke des österreichischen Schulsys- tems“ sind, da ihnen „eine Reduktion der Chancenungleichheiten nach sozialer Ständesystem Bildung Nach dem Motto „Wer schon hat, bekommt noch mehr“ wird Bildung in Österreich verteilt. Die größte Hürde sind Übergänge zwischen den Bildungseinrichtungen. Sonja Fercher Chefin vom Dienst der Arbeit&Wirtschaft