Arbeit&Wirtschaft 9/2015 13Schwerpunkt Herkunft“ gelingt. Einzige Einschrän- kung: An den Berufsschulen bleiben Kin- der mit Migrationshintergrund unterre- präsentiert. Die gerechtere Gesamtschule Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass die gemeinsame Schule bis 14 Jahre Ungleichheiten am besten entgegenwirkt. Deshalb ist die wohl wichtigste Maßnah- me der vergangenen Jahre die im Jahr 2012 erfolgte Einführung der sogenann- ten Neuen Mittelschule (NMS). Die ers- ten Erfahrungen in Österreich zeigen be- reits die positiven Auswirkungen dieser Schulform: Im Vergleich zu den Haupt- schulen wechseln mehr Neue Mittelschü- lerInnen in die AHS als HauptschülerIn- nen. Auch ermöglicht sie mehr Kindern mit Migrationshintergrund den Sprung in eine Schulstufe, die zur Matura führt. Allerdings ist es weiterhin so, dass acht von zehn MaturantInnen die AHS-Un- terstufe besucht haben. Die sozioökonomische Herkunft so- wie der Bildungshintergrund der Eltern beeinflussen auch, wie gut SchülerInnen die in der Schule vermittelten Inhalte er- lernen. In der vierten Schulstufe zeigen Kinder von bildungsfernen Eltern laut Nationalem Bildungsbericht deutlich schlechtere Leistungen: Ganze zwei Jah- re macht der Rückstand aus, den sie im Vergleich zu den Kindern von Maturan- tInnen haben. Spielt der Migrationshintergrund also gar keine Rolle? Zumindest nach der Volksschule hat er keinen Einfluss dar- auf, in welchen Schultyp die Eltern ihr Kind schicken. Dies ändert sich jedoch im Alter von rund 14 Jahren: Kinder mit nicht deutscher Umgangssprache schaf- fen den Sprung von der Haupt- in eine höhere Schule deutlich seltener als ihre KollegInnen, die nur Deutsch sprechen, in Zahlen: 29 und 42 Prozent. Wie be- reits erwähnt zeigt die Neue Mittel- schule hier bereits eine kompensierende Wirkung. Haben Kinder aus sozioökonomisch schwächergestellten Familien es einmal bis zur Matura geschafft, wartet die nächste Hürde auf sie: der Unizugang, der in den vergangenen Jahren deutlich eingeschränkt worden ist. Grundsätzlich haben der freie Hochschulzugang sowie die steigenden Studierendenzahlen viel dazu beigetragen, die soziale Mobilität in der österreichischen Gesellschaft zu erhöhen. Heute kommen drei Viertel der österreichischen Studierenden aus bildungsfernen Schichten, bei der Hälfte haben die Eltern keine Matura. Soziale Selektion reloaded Der Bericht zur sozialen Lage der Studie- renden kommt vor diesem Hintergrund zu dem Schluss: „Der Hochschulsektor trägt in beträchtlichem Ausmaß zur so- zialen Mobilität in der Gesellschaft bei.“ Allerdings: Der Befund relativiert sich, wenn man sich die relativen Zahlen an- sieht. Nach diesen müsste der Anteil der Kinder von NichtakademikerInnen unter den Studierenden nämlich deutlich höher sein. Dem ist aber nicht so: Die Studier- wahrscheinlichkeit für Kinder, deren Vater Akademiker ist, ist „um den Wahr- scheinlichkeitsfaktor 2,5 höher als für Studierende aus bildungsfernen Famili- en“. Die nun an immer mehr Unis ein- geführten Zugangsbeschränkungen rei- hen sich in das System der sozialen Se- lektion ein. So kommt eine Studie der Arbeiterkammer zu dem Ergebnis, dass etwa in der Humanmedizin der Anteil der Kinder von AkademikerInnen seit der Einführung der Zugangsbeschränkungen noch einmal angestiegen ist. „Wer schon hat, bekommt noch mehr.“ Nach diesem Motto wird Bil- dung also in Österreich verteilt. Es profi- tieren vor allem jene von höherer Bil- dung, deren Eltern auch schon eine sol- che genossen haben. Paradoxerweise setzt sich diese Logik im Berufsleben fort, denn ArbeitnehmerInnen mit höheren Abschlüssen werden eher auf Weiterbil- dungen geschickt als schlechter Qualifi- zierte. Es gibt also noch viel zu tun, da- mit allen Kindern die ganze Bandbreite an Bildungswegen offensteht und sie vom Bildungssystem auch bestmöglich profi- tieren können. Internet: Nationaler Bildungsbericht: www.bifie.at/nbb Bildung in Zahlen: tinyurl.com/oc5xxxg Blogtipp: „Soziale Selektion im Hochschulsystem“: tinyurl.com/pwb94pf Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin sonja.fercher@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Die Bildungsreform lässt die Köpfe rauchen. Vor allem die Gesamtschule würde für Gerech- tigkeit sorgen. Diese aber lässt auf sich warten.