Arbeit&Wirtschaft 9/201514 Schwerpunkt F reudestrahlend hält ein Kind die prall gefüllte Schultüte in der Hand. Die Schultasche ist bereits auf den Rücken geschnallt und al- le halten noch einmal kurz inne – um ein Erinnerungsfoto zu schießen, das wohl in kaum einer Fotosammlung fehlt –, be- vor es zum ersten Mal in die Schule geht. Und auch wenn die Schule bei vielen spä- ter Horrorgefühle auslöst: In der Regel freuen sich die „SchulanfängerInnen“ auf die Schule. Zudem sind sie sehr lernmo- tiviert und haben viele Fragen. Weichenstellung im Kindergarten Elementarbildung: Mit diesem sperrigen Begriff werden Einrichtungen wie Krippe und Kindergarten bezeichnet. Es geht al- so um Kinder aller Altersstufen bis zum Schuleintritt. Diese Gruppe hat in der bildungspolitischen Diskussion zuletzt deutlich an Bedeutung gewonnen, im- merhin sagen alle Studien, dass gerade in Österreich das (Aus-)Bildungsniveau der Eltern in besonders hohem Ausmaß ver- erbt wird. Nicht nur das: Entscheidende Weichen für den späteren Bildungsverlauf werden bereits gestellt, bevor die Kinder eine Schule von innen gesehen haben. Von daher haben elementare Bildungs- einrichtungen sogar eine Schlüsselfunk- tion für Chancengerechtigkeit im Bil- dungssystem. Der Übergang von der elementaren Bildungseinrichtung in die Volksschule ist ein einschneidendes Ereignis im Le- ben eines Kindes und seiner Eltern. Al- lerdings wird er nicht von allen uneinge- schränkt positiv erlebt, sondern ist auch mit Ängsten verbunden. Das Kind er- lebt in seiner Rolle und in seinen Bezie- hungen große Veränderungen, immer- hin gehörte es im Kindergarten zuletzt zu den erfahrenen, älteren Kindern, die jüngere Kinder angeleitet haben. In der Volksschule wiederum gehört es zu den Jüngsten an der Schule und erhält keine Orientierung von Älteren. Umso mehr kommt es darauf an, diesen Übergang für alle so sanft wie möglich zu gestal- ten. Schließlich hängt von seinem Ge- lingen vielfach die Bewältigung weiterer Übergänge ab. Die Regierung hat sich vorgenom- men, einen Schwerpunkt auf die Ele- mentarpädagogik und die Grundschule zu legen. Im September haben nun die Sozialpartner und die Industriellenver- einigung ein Zehn-Punkte-Forderungs- programm zur Umgestaltung und Wei- terentwicklung der Elementarbildung präsentiert. Chancengerechtigkeit Elementarbildung „soll die Fähigkeiten und Talente der Kinder durch altersge- rechte Förderung zur Entfaltung bringen ? unabhängig von Geschlecht, sozioöko- nomischer oder regionaler Herkunft“, heißt es in der Einleitung des Papiers. Und: „Im Sinne der Chancengerechtig- keit müssen in Österreich qualitativ hoch- wertige Kinderbildungseinrichtungen flä- chendeckend verfügbar sein.“ Grundsätzlich gibt es zwischen den zwei Bildungseinrichtungen wesentliche Gemeinsamkeiten. So ähneln sich allein schon die Curricula, wenn auch die Be- grifflichkeiten mitunter unterschiedlich sind. Für elementare Bildungseinrich- tungen sind im BildungsRahmenPlan „Prinzipien für Bildungsprozesse“ vor- gegeben. Für die Volksschule wiederum gilt ein „Lehrplan“, der „allgemeine di- daktische Grundsätze und Bestimmun- gen“ enthält. Bei beiden steht die Indivi- dualität der Kinder im Zentrum, sprich auf ihre Bedürfnisse und Begabungen soll eingegangen werden. Das Verstehen und Lernen der Kinder soll dadurch erleich- tert werden, dass der Stoff an die Le- benswelten der Kinder geknüpft und somit anschaulich gemacht wird. Ein weiterer Grundsatz ist die „Sach- richtigkeit“, wie es bei der Elementarbil- dung bezeichnet wird, also die „entwick- lungsgemäße Aufbereitung von Lernar- rangements unter Berücksichtigung in- haltlicher und begrifflicher Sachrichtig- keit“. Im Lehrplan der Volksschule heißt es außerdem: „Gegebenenfalls Vereinfa- chung aus methodischen und psycho- logischen Gründen; Zeit und Möglich- keit für das Lernen durch Versuch und Der sanfte Schuleinstieg Schon im Kindergarten werden die Weichen für den späteren Bildungsverlauf gestellt. Die Schuleingangsphase soll für mehr Gerechtigkeit sorgen. Kurt Kremzar Abteilung Bildungspolitik der AK Wien B U C H T I P P Helen Knauf: Frühe Kindheit gestalten Perspektiven zeitgemäßer Elementarbildung Kohlhammer Verlag, 174 Seiten, 2009, € 20,50 ISBN: 978-3-1702-0539-0 Bestellung: fachbuchhandlung@oegbverlag.at