Arbeit&Wirtschaft 9/2015 15Schwerpunkt Irrtum.“ Ist in der Elementarbildung von „Empowerment“ die Rede, so heißt dies in der Volksschule „Aktivierung und Motivierung“. Auch hier ähneln sich die Beschreibungen, ebenso bei dem Stich- wort „Ganzheitlichkeit“, also dem Ver- ständnis von Lernen als Prozess von Geist und Körper, die beide einbezogen werden müssen. Während in der Ele- mentarbildung von „Inklusion“ die Rede ist, wird im Lehrplan der Volksschule von „Integration“ gesprochen: Alle Kin- der sollen gemeinsam lernen, unabhän- gig davon, ob es Kinder mit „sonderpä- dagogischem Förderbedarf“ gibt. Schuleingangsphase Im Regierungsprogramm 2013–2018 wird als Ziel „Schuleingangsphase und Stärkung der Volksschulen“ angeführt. Mit der Schuleingangsphase soll zwi- schen Kindergarten und Volksschule ein sanfterer Übergang geschaffen werden. Konkret bedeutet das, dass das letzte Kin- dergartenjahr und die ersten beiden Volksschuljahre zusammengefasst wer- den. SchülerInnen unterschiedlicher Al- tersgruppen können miteinander unter- richtet werden. Auch die PädagogInnen der beiden Einrichtungen sollen sich stär- ker vernetzen. Das Bildungsministerium hat daher im Herbst 2014 Volksschulen und Kin- dergärten ermutigt, standortbezogene Modelle der Zusammenarbeit zu entwi- ckeln. An diesem Projekt, das zwei Schul- jahre dauert, nehmen bundesweit je 35 Kindergärten und Volksschulen teil. Bei der Zusammenarbeit geht es unter an- derem um umfassende und durchgehen- de Sprachförderung. Die Sozialpartner treten in ihrem neuen Programm für zwei verpflichtende Kindergartenjahre für alle Kinder ab vier ein – „Basisphase“ genannt. Der Kindergarten ist im ersten Jahr allein für die Kinder zuständig, im zweiten Jahr soll er mit der Schule zu- sammenarbeiten. „Im zweiten Basisjahr sollen altersgerecht und spielerisch vor- schulische Inhalte sowie sprachliche, motorische, emotionale und soziale Vor- läuferfähigkeiten mit Fokus auf das Er- langen der Schulfähigkeit vermittelt wer- den“, heißt es im Papier. Wichtig für den wirklich sanften Übergang in die Volksschule sind natür- lich auch die PädagogInnen selbst. Die Sozialpartner fordern deshalb: „Es braucht gemeinsame Basismodule in der Ausbil- dung, gemeinsame Fort- und Weiterbil- dung, wechselseitiges ‚Hospitieren‘ oder institutionenübergreifende Übergangs- konzepte.“ Dafür braucht es selbstver- ständlich auch ausreichende Ressourcen. Übergang neu Wenn die Basisphase und die ersten beiden Schuljahre zu einer gemeinsamen Einheit zusammenwachsen, muss natürlich auch der Übergang zwischen den beiden Insti- tutionen neu gestaltet werden. Bisher wur- de eine sogenannte Schulreifefeststellung vorgenommen. Diese lässt sich aber nicht mit einem Stichtag verordnen. Eine Neustrukturierung ist also un- erlässlich. An die Stelle einer punktuel- len Entscheidung soll eine gemeinsame (Kindergarten, Schule, Eltern) Beglei- tung und Feststellung der Schulfähig- keit im letzten Kindergartenjahr treten. Dokumentationen über den Entwick- lungsstand (z. B. Portfolio) sollen nicht als Selektionsinstrument verwendet wer- den, sondern der Schule vielmehr Aus- kunft darüber geben, was das Kind an gezielter Förderung braucht und an Ta- lenten mitbringt. Eltern einbeziehen Ganz wichtig ist auch die Einbeziehung der Eltern als Partner. Regelmäßige Ge- spräche der PädagogInnen und Eltern über den Entwicklungsprozess des Kin- des müssen auf Augenhöhe stattfinden, damit der Übergang bestmöglich gelingt. Auf dass die Augen der Kinder weiter in der Schule strahlen mögen, als wären die neuen Inhalte, die sie lernen, ähnlich le- ckere Naschereien wie jene, die sie in ih- rer Schultüte gefunden haben. Internet: Sozialpartnerpapier „Zukunft der Elementarbildung in Österreich“: tinyurl.com/q4qkgr2 Leitfaden zur sprachlichen Förderung am Übergang vom Kindergarten in die Grundschule, Charlotte Bühler Institut: tinyurl.com/o3yvgfv „Kinderbetreuung und Elementarbildung: Die Entwicklung der letzten zehn Jahre“: tinyurl.com/pcmtge3 Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor kurz.kremzar@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Entscheidende Weichen für den späteren Bildungsverlauf werden schon gestellt, bevor die Kinder eine Schule von Innen gesehen haben.