Arbeit&Wirtschaft 9/201520 Schwerpunkt I ch war jung und brauchte das Geld.“ So werden gerne Stationen in der frü- hen Job-Biografie augenzwinkernd kommentiert, die nicht zur späteren Karriereplanung passten. Heute gibt es ein ganz anderes Phänomen bei jungen Menschen: große Lücken im Lebenslauf. Sie verweisen auf einen Status, der „Not in Education, Employment or Training“, kurz NEET, genannt wird. In Österreich sind jährlich laut einer aktuellen AK-OÖ-Studie durchschnitt- lich 75.100 Jugendliche davon betrof- fen.1 Somit sind 7,4 Prozent junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren weder in Beschäftigung, im Bildungs- system oder in einer Trainingsmaßnah- me integriert. Die detaillierten Zahlen zeigen, dass die Anzahl der Betroffenen konjunkturabhängig ist und in den Kri- senjahren ansteigt. Rund 38 Prozent der NEET-Jugendlichen sind länger als ein Jahr im NEET-Status. NEET hat viele Gesichter Die klassischen NEETs gibt es nicht. Es sind Jugendliche beiderlei Geschlechts mit verschiedenen Bildungsabschlüssen und unterschiedlichem Gesundheitszu- stand, die freiwillig oder unfreiwillig aus dem Erwerbs- und Bildungssystem aus- geschlossen sind. Unter ihnen findet man also sowohl solche, die aktiv eine Arbeit oder für sie geeignete Ausbildung suchen, als auch solche, die nicht arbei- ten können oder wollen oder sich be- wusst eine Auszeit nehmen. Zu finden sind Jugendliche aus bildungsfernen Fa- milien, die Klassen wiederholen mussten und keinen Pflichtschulabschluss vor- weisen können. Unter den NEETs sind aber auch MaturantInnen aus gut situ- iertem Elternhaus, die beispielsweise an der harten Aufnahmeselektion überfüll- ter Unis scheitern. Oft sind es Jugendli- che, die sich bereits weiter vom Arbeits- markt entfernt haben und aufgrund der vermeintlichen Aussichtslosigkeit keine Alternativen mehr suchen. Risiko Nr. 1: Früher Schulabbruch Allerdings zeigt sich, dass es individuelle und gesellschaftliche Risikofaktoren gibt. Die EU-Agentur Eurofound hat für die Europäische Union errechnet, dass beispielsweise Jugendliche mit Migrati- onshintergrund ein um 70 Prozent hö- heres NEET-Risiko haben. Gesundheit- liche Einschränkungen erhöhen das NEET-Risiko um 40 Prozent, und Ju- gendliche, deren Eltern arbeitslos waren, haben ein um 17 Prozent erhöhtes Risi- ko. Außerdem sind Jugendliche aus bil- dungsfernem Elternhaus, aus dem urba- nen Bereich und (vor allem weibliche) Jugendliche mit Betreuungspflichten häufiger betroffen. Auch problematische familiäre Umstände, traumatische Erfah- rungen, emotionale Auffälligkeiten, Drogen, Alkohol und finanzielle Eng- pässe können erschwerend wirken. Über- geordnet kann als zentralstes Merkmal ein früher Schulabgang („early school leavers“) für eine NEET-Betroffenheit ausgemacht werden. Aus österreichischen Forschungsin- terviews geht zudem hervor, dass bishe- rige Erfahrungen mit dem System Schu- le oft prägend waren. Viele NEET-Be- troffene erzählen von Mobbing- und Ausgrenzungserfahrungen, Leistungs- und Lernschwierigkeiten, Konflikten mit LehrerInnen sowie Schulängsten, die ihre Schulkarriere gekennzeichnet haben. Hinzu kommen Umbruchpha- sen (z. B. Schulwechsel, Klassenwieder- holung, Wechsel in Ausbildungskontex- te etc.), die als schwierig erlebt wurden. Die sehr unterschiedlichen und persön- lichen Geschichten der Jugendlichen zeichnen das Bild, dass unzureichende oder falsche Information, ungeeignete oder mangelnde Unterstützung sowie Misserfolgserfahrungen bei vielen zu Frustration oder Resignation führen. Vorbilder (be)leben Umgekehrt zeigen die Interviews auch, dass hilfreich erlebte Unterstützung oder positive Vorbilder die Betroffenen auch wieder Mut schöpfen lassen. Allen Hin- dernissen und Fehlschlägen zum Trotz können so auch positive Kehrtwendun- gen stattfinden. Studienteilnehmer Christian2 hat offenbar die positive Er- fahrung mit einem didaktisch phantasie- vollen Nachhilfelehrer nachhaltig inspi- riert: Er hat nach vielen Umwegen und Hindernissen das Ziel entwickelt, selbst Lehrer zu werden. Durch die Lehre mit Matura konnte er schließlich seinen Traum verwirklichen und Lehramt stu- dieren. So wie Christian gelingt immer- hin 32 bis 47 Prozent ein erfolgreicher Ausstieg aus dem NEET-Status.3 Risikofaktor Schule Durchschnittlich 75.100 Jugendliche haben weder Job noch Ausbildung. Bei der Prävention spielen die Lehrpersonen eine zentrale Rolle. Elke Radhuber Kommunikationswissenschafterin, Trainerin und Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision