Arbeit&Wirtschaft 9/201522 Schwerpunkt Anderssein als Normalität Viele halten noch an der Sonderschule fest. Dabei würde die inklusive Schule die viel gewünschten sozialen Kompetenzen besser vermitteln. K lassengesellschaft, Leistungsma- schinerie und Ausschluss von nicht normgetreuen Kindern: Diese Schlagworte scheinen den Schulalltag weiterhin zu bestimmen. Zu Recht? „Bei Kindern verwirklichen Eltern gerne ihre eigenen Ansprüche und Träu- me. Sie wollen ihr Kind auf eine – ver- meintlich klare – Zukunft vorbereiten“, erklärt Maria Beham. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Jasmin Mandler betreibt die Psychologin eine Praxis mit dem Na- men „die Entwicklungshelferinnen“. Ih- rer Ansicht nach werden die individuellen Bedürfnisse der SchülerInnen „oft aus den Augen verloren“. Das einzelne Kind sehen Wie lassen sich die gestiegenen Ansprü- che an die Schule mit der Inklusion von Kindern mit besonderen Bedürfnissen – ein gesellschaftlicher wie bildungspoliti- scher Anspruch – miteinander vereinba- ren? Notwendig dafür ist eine individuell adäquate Lernumgebung. Das Ziel: Alle Kinder sollen in gleicher Würde leben können, das einzelne Kind soll gesehen werden. Das aktuelle, äußerst strukturier- te Regelschulsystem stellt jedoch zumeist die Wissensvermittlung in den Mittel- punkt – und von den SchülerInnen wird erwartet, sich in dieses System einzufü- gen. „Der Fokus liegt oft nicht auf den individuellen Bedürfnissen des Kindes. Vielmehr geht es darum, wie Kinder es schaffen, die Lernziele zu erreichen“, weiß Beham. „Kinder mit besonderen Bedürfnissen müssen da erst ihren Platz finden. Bisher galt, dass in Sonderschu- len oder Integrationsklassen beschult wird“, erklärt Mandler. „Jetzt gibt es den Anspruch, dass sie inklusiv mit allen an- deren Kids unterrichtet werden. Das stellt sehr hohe Anforderungen an das Schul- system.“ Die Vorteile: Schüler, die alters- entsprechend entwickelt sind, erleben, dass es auch Kinder mit besonderen Be- dürfnissen gibt, die ebenso ihre Persön- lichkeit und einen Platz in unserer Ge- sellschaft haben. Von sich aus sind die Jungen unvor- eingenommen, aber sie übernehmen oft Vorurteile der Erwachsenen – vor allem die Defizitorientierung. Psycholo- gin Beham: „Es ist aber wichtig, dass An- derssein Teil der Normalität wird. Inklu- sion ist ein wichtiges Ziel im derzeitigen Schulsystem. Wie gehen Lehrer mit Kindern um, wie fördern sie Anerken- nung? Es muss weniger um Lob und Ta- del gehen, sondern um einen würdevol- len Umgang miteinander.“ Eine Schule, die für alle perfekt ist, gibt es aber eben auch nicht. „Ich glaube an die Individu- alität und Persönlichkeit. Es sollte un- terschiedliche Unterrichtsformen geben, und es wird immer Kinder geben, die einen speziellen Förderbedarf haben“, erklärt Beham. Grundsätzlich obliegt den Eltern die Entscheidung, ob das Kind in eine Son- derschule oder Integrationsklasse geht. Vielen Eltern aus bildungsfernen Haus- halten wird nicht genug erklärt, welche Tragweite ihre Entscheidung für die langfristige Bildungszukunft ihrer Kin- der haben kann. Neben Kindern mit Behinderung landen vor allem Mäd- chen und Burschen mit Migrationshin- tergrund in Sonderschulen, oder sie werden mit dem Begriff „sonderpädago- gischer Förderbedarf“ (SPF) bezeichnet. Ihre Anzahl steigt: Im Schuljahr 2000/01 besuchten laut Statistik Austria 1,71 Prozent aller PflichtschülerInnen eine Sonderschule, im Schuljahr 2010/11 waren es bundesweit 1,98 Prozent. Da- bei sollte ein solches Attest nur mit äu- ßerster Zurückhaltung ausgestellt wer- den, immerhin verschlechtert es die Chancen am Arbeitsmarkt erheblich. Eingeschränktes Angebot Grundsätzlich beruht das Sonderschul- system darauf, dass Kinder, die dem Un- terricht in der Volks-, Haupt- oder Poly- technischen Schule wegen körperlicher oder geistiger Behinderung nicht folgen können, in eine Sonderschule überwiesen werden. Seit 1993 dürfen die Eltern ent- scheiden, ihre Auswahl wird allerdings vom konkreten schulischen Angebot ein- geschränkt. In der Steiermark etwa wer- den mehr als 80 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf inte- griert, in Niederösterreich, Tirol und Vor- arlberg liegt der Anteil bei nur knapp über 30 Prozent. Im August 2014 forderte der Monito- ringausschuss die Abschaffung der Son- derschule bis September 2015, da diese Schulform der UN-Behindertenrechts- konvention widerspreche. Der Aus- schuss argumentiert, dass die Sonder- schule diskriminierend ist, weil sie ein- zig auf das Merkmal der Beeinträchti- gung abstellt. Sonderschulen waren bereits im Jahr 2008 vom Ausschuss als Sophia Fielhauer und Christian Resei Freie JournalistInnen