Arbeit&Wirtschaft 9/201530 Schwerpunkt W enn Hannah Lintner an ihre Matura zurückdenkt, hat sie ge- mischte Gefühle. Sie war eine von rund 26.000 SchülerInnen, die an der ersten standardisierten Reife- und Diplomprüfung in Österreich, der Zentralmatura, teilgenommen haben. Lintner, die am Bundesoberstufen- realgymnasium (BORG) in Spittal an der Drau maturiert hat, hat alle Fächer gemeistert und sogar Mathematik, die nie ihr Steckenpferd war, gut geschafft. Doch das Drumherum, die Unklarheit über Termine, die Unsicherheit der LehrerInnen und die teils schlechte Or- ganisation mit kurzfristigen Änderun- gen haben viel Unruhe reingebracht: „Ich denke, die Zentralmatura hätte viel gechillter ablaufen können, wenn man erst ein paar Klassen später angefangen hätte, sodass die Schüler schon früher darauf vorbereitet worden wären.“ Ihre Erfahrung war unter anderem, dass LehrerInnen verzweifelt waren, weil sie selbst nicht wussten, was sie tun sollten, und ihren Frust an der Klasse ausgelas- sen haben. Server überlastet Wenige Monate nach Runde eins ist vor allem die Panne mit den Vorwissenschaft- lichen Arbeiten (VWA) gut in Erinne- rung: Der Server, auf den die SchülerIn- nen ihre Arbeiten hochladen mussten, war überlastet und fiel aus, was dazu führ- te, dass die Arbeiten nicht fristgerecht abgegeben werden konnten. Davon wa- ren nicht nur eine Handvoll MaturantIn- nen betroffen: Im Gegensatz zu früher, wo man freiwillig eine Fachbereichsarbeit schreiben konnte, muss jetzt jede/r Schü- lerIn eine VWA im Umfang von 40.000 bis 60.000 Zeichen schreiben. Natürlich fiel wegen des Serverausfalls niemand durch, aber der angesichts der Matura ohnehin schon erhebliche Stresspegel wurde noch mehr in die Höhe getrieben. Aufreibend war auch, dass Prüfungsfra- gen in manchen Klassen verspätet anka- men, sodass sich Prüfungen verzögerten, und dass Beurteilungsschlüssel bis kurz vor der Matura geändert wurden. Stressige VWA Das Schreiben der VWA hat bei vielen SchülerInnen für Stress gesorgt. Die meisten haben zuvor noch nie eine Arbeit in so großem Umfang verfasst, in der noch dazu zitiert werden muss. Selbst ei- ner Plagiatsprüfung werden die Arbeiten unterzogen. Gerade bei der VWA zeigte sich, dass die Vorbereitung durch Lehre- rInnen entscheidend ist. Julia Steiner, die vergangenen Sommer im BRG/BORG in Kirchdorf an der Krems maturiert hat, fand die VWA super: „Sie ist der einzige Teil bei der Zentralmatura, wo du indi- viduell über das schreiben kannst, was dich interessiert. Und sie ist eine super Vorbereitung für die Uni.“ Steiner erzählt, dass „relativ viel Stress“ um die VWA ge- macht wurde, obwohl diese „eine an sich doch relativ einfache Sache“ sei. Hannah Lintner hat nicht so positi- ve Erinnerungen: Sie schrieb über Tat- toos und Piercings – ein Thema, für das sich kein/e LehrerIn interessierte. Des- halb wurde sie nicht von einem oder ei- ner von ihr gewünschten LehrerIn be- treut, sondern der Gitarrenlehrerin zu- geordnet. Die Vorbereitung auf die VWA war ebenfalls enttäuschend: „Wir hatten in der sechsten Klasse das Fach VWA und haben ein Buch bekommen – und dann nichts mehr.“ Zudem hät- ten LehrerInnen einander etwa bei den Zitierregeln widersprochen bzw. waren selbst unsicher. „Ich habe viel dafür tun müssen, aber die VWA ist keine wissen- schaftliche Arbeit. Das Einzige, was man dabei lernt, ist, sich mit einem The- ma auseinanderzusetzen und ein paar Seiten darüber zu schreiben.“ Immer- hin: Lintner erntete am Ende Lob für ihre VWA. Diverse Meinungen Zur Mathematik-Zentralmatura gibt es ebenso diverse Meinungen. Grob gespro- chen lautete die Kritik: Die neue Matura kommt jenen entgegen, die in Mathe Schwächen haben, unterfordert aber die Von GegnerInnen zu PartnerInnen Rund 26.000 SchülerInnen haben den ersten Durchgang der Zentralmatura überstanden. Wir haben bei AbsolventInnen nachgefragt, wie es gelaufen ist. B U C H T I P P Katharina Maag Merki: Zentralabitur Die längsschnittliche Ana- lyse der Wirkungen der Ein- führung zentraler Abiturprü- fungen in Deutschland Springer Verlag, 412 Seiten, 2015, € 36,99 ISBN: 978-3-531-94023-6 Bestellung: fachbuchhandlung@oegbverlag.at Alexandra Rotter Freie Journalistin