Arbeit&Wirtschaft 9/201532 Schwerpunkt Matura um jeden Preis? Die Reifeprüfung am Ende der Oberstufe ist der Eckpfeiler des höheren Schulsystems. Doch macht sie heute noch Sinn? D ie Matura ist für zahlreiche Schü- lerInnen ein psychischer Ausnah- mezustand. Viele verfolgt die Vor- stellung, noch einmal zu dieser Prüfung antreten zu müssen, sogar noch Jahre später in Alpträumen. Doch welche pädagogische oder gesellschaftliche Funk- tion hat dieser Reifetest eigentlich? Der in Deutschland übliche Begriff „Abitur“ weist auf einen der Ursprünge dieser Prüfung hin, denn er leitet sich vom neulateinischen Wort abiturire ab, zu Deutsch ab- oder weggehen. Grund- sätzlich ist sie ein Abgangszeugnis der höheren Schulen. Der in Österreich üb- liche Begriff „Matura“ verweist auf eine zweite Funktion: Wer die Prüfung be- steht, ist „reif“ fürs Studium. Die Reife- prüfung hat obendrein eine gesellschaft- liche Funktion, denn sie zeigt an, welche Wissensinhalte heute als gesellschaftlich legitim angesehen werden. Nicht zu ver- gessen: Die Matura ist immer auch die Abgrenzung einer „gebildeten Elite“ vom Rest der Gesellschaft. Erfindung des preußischen Staates Die Reifeprüfung ist eine Erfindung des preußischen Staates aus dem Jahr 1788. Sie entstand als Kriterium für den Hoch- schulzugang, der bis dahin kaum geregelt war. Nicht jeder brachte damals die nö- tigen Voraussetzungen nach wenigen Jah- ren Schule mit, daher versuchte man, den Zugang einzuschränken. Groß war die Freude mit dieser Prüfung nicht. Wohl- habende Eltern fürchteten um ihren Sta- tus, sollten ihre Kinder scheitern. Den Staat wiederum plagten andere Sorgen: Man befürchtete, dass die Beschäftigung mit antiken Sprachen das republikanische Denken gegen das „preußisch-monarchis- tische Gefühl“ zu sehr fördern könnte. Der damalige deutsche Kaiser Wilhelm II. etwa warnte vor einer „allzu starken Überproduktion der Gebildeten“ und Bismarck vor einem „staatsgefährlichen Proletariat der Gebildeten“. In der Realität machte nur eine ver- schwindend kleine Minderheit das Abi- tur: Gerade einmal zwei Prozent der Be- völkerung schafften diesen Abschluss. Zur Jahrhundertwende stieg die Zahl schließlich an, als endlich auch Mäd- chen zum Abitur zugelassen wurden. In Österreich gab es ähnliche Diskussio- nen. Hier verordnete Maria Theresia im Jahr 1776 ein fünfjähriges Gymnasium mit strenger Schlussprüfung. Im Jahr 1849 entstand schließlich das Gymnasi- um in der heutigen Form mit einer Ma- turitätsprüfung als Abschluss. Großer Anstieg Die anfangs geringe Zahl an Maturanten stärkte die Vorstellung von einer Bil- dungselite, die sich nach unten abgrenzte. Zumindest quantitativ lässt sich dies nicht mehr bestätigen: Im Jahr 1960 haben 10.832 SchülerInnen maturiert, im Jahr 2013 waren es 43.987 und damit vier Mal so viele. Zugleich machte sich der Ausbau der Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS) bemerkbar: Der Anteil der AHS- AbsolventInnen unter den MaturantIn- nen sank von 68 Prozent im Jahr 1960 auf 42 Prozent im Jahr 2013. In der Al- tersgruppe der 18 bis 19-Jährigen ist die Anzahl der MaturantInnen deutlich ge- stiegen: Seit 1987 hat sich ihr Anteil von 24,9 auf 42,4 Prozent erhöht. Zwischenstation Damit erfuhr die Matura einen Bedeu- tungswandel: Lange Zeit war sie ausrei- chende Einstiegsqualifikation für eine BeamtInnen- oder Bankenlaufbahn, oh- ne dass auf sie zwingend ein Studium ge- folgt wäre. Mittlerweile ist vor allem die AHS-Matura Zwischenstation auf dem Weg zu einem akademischen Abschluss. Demgegenüber bietet die BHS beides: sowohl die berufliche Qualifikation, die zum Teil sehr stark am Arbeitsmarkt nachgefragt wird, als auch die Studien- berechtigung. Die bestandene Matura hat in jedem Fall noch einen großen symbolischen Wert. Auch das Projekt der Lehre mit Matura soll nicht unbedingt mehr Per- sonen mit Lehrabschluss an die Hoch- schulen führen. Vielmehr soll dadurch die Lehre für Jugendliche wieder attrak- tiv gemacht werden. Dafür bräuchte es aber wohl mehr Maßnahmen (siehe auch „Liebling zwischen Sein und Schein“, S. 26). Viele Jugendliche wäh- len schließlich auch deshalb eine Lehre, weil sie mit ihrer Schulzeit negative Er- fahrungen verbinden und für sie das Lernen in der Schule unattraktiv ist. Sie erst recht wieder auf die Schulbank zu zwingen, scheint zumindest diskussi- onswürdig, zumal ihnen der Weg an die Uni über die Studienberechtigungsprü- fung zu einem späteren Zeitpunkt im- mer noch offen steht. Einen sehr span- Ingolf Erler Bildungssoziologe