Arbeit&Wirtschaft 9/201536 Schwerpunkt Lernen fürs Arbeitsleben Bildung dient der Mehrung des Humankapitals. Das gelingt nicht allen. Die Schulausbildung wird zum „Platzanweiser für den Arbeitsmarkt“. D ie unmittelbare Verwertbarkeit von Bildung gehört zum allgemei- nen Credo. Die einen argumen- tieren mit der Bedeutung des Hu- mankapitals für die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes, die anderen mit Beschäf- tigungsfähigkeit und Verdienstmöglich- keit der ArbeitnehmerInnen. Bildung gilt als Produktionsfaktor zur Sicherung des individuellen Humankapitals. Das Kon- zept geht auf den Wirtschaftsnobelpreis- träger Gary S. Becker zurück, eingebettet in die neoliberale Kaderschule der Chicago School of Economics. Wer solcherart nicht gebildet sein will oder versagt, kommt in die Kategorie „bildungsfern“. Was soll ich werden? Knapp vor der Jahrtausendwende galt HTML-Programmieren als aussichts- reicher Job. Wenige Jahre später übernah- men Content-Management-Systeme die- se Arbeit. Heute kann dieses Szenario bereits jeden zweiten Beruf betreffen. Wie soll ich heute wissen, was der Arbeits- markt von morgen will? Diese Frage be- wegt nicht nur Jugendliche. Die Halb- wertszeit einer Ausbildung sinkt, Weiter- bildung in jeder Lebensphase lautet das Gebot der Stunde. Bereits 1962 forderte ein EU-Memorandum „Lebenslanges Lernen“. „Es setzt unter Druck und legi- timiert Ausgrenzung. Wer es nicht schafft oder nicht dazu bereit ist, sich permanent anzupassen, ist selbst schuld“, kritisiert der Bildungsforscher Erich Ribolits. Eine zu Jahresbeginn von WIFO und IHS er- stellte Studie zum Qualifikationsbedarf in Österreich untersuchte die beruflichen Bildungsherausforderungen. Die Ergeb- nisse der im Auftrag der Arbeiterkammer verfassten Studie: » Der Qualifikationsbedarf steigt in allen Berufen und Tätigkeiten – am stärksten innerhalb der Berufe. » Der strukturelle Wandel forcierte den Bedarf an weiterführenden und hochschu- lischen Qualifikationen. » Der Wettbewerb um die Jungen be- ginnt bereits vor der Ausbildung. » Polarisierung: Beschäftigungszu- wächse gibt es sowohl bei den Höherqua- lifizierten als auch am unteren Ende des Qualifikationsspektrums. » Bei vielen Menschen entspricht die Be- schäftigung nicht der Qualifikation. » Migration und Bildung: Integrations- politik muss qualifikations- und kompe- tenzorientiert sein. » Der Arbeitsmarkt kann immer weniger auf die Älteren verzichten. » Weiterbildung, lebensbegleitendes Lernen und lernfreundliche Arbeitsumge- bung sind für alle Beschäftigtengruppen wichtig. Damit aus einer Qualifikation ein attraktives Jobprofil wird, braucht es das Ineinandergreifen von „formaler Ausbil- dung, berufsübergreifenden und sozia- len Kompetenzen“, so die Koautorin der Studie Julia Bock-Schappelwein. Die Bedeutsamkeit von Soft Skills erklärt sich aus den sich verändernden Anfor- derungen in der Arbeitsorganisation: Die Zusammenarbeit in wechselnden Teams oder das virtuelle Arbeiten in der Cloud verlangen die Fähigkeit zur Selbst- reflexion genauso wie Einfühlungsver- mögen und Kommunikationsstärke. Die Studie legt aber auch Widersprüche offen, zeigt, dass Bildung nicht alle Ar- beitsprobleme löst. Mismatch Im Jahr 2010 war mehr als ein Drittel der Erwerbstätigen nicht bildungsadä- quat beschäftigt. Besonders Frauen (27,4 Prozent) und MigrantInnen (33,4 Pro- zent) arbeiten unter ihrem Qualifikati- onsniveau. Die Ingenieurin, die als Rei- nigungskraft arbeitet, oder die Sozialwis- senschafterin, die bei ihrem Studentenjob in der Gastronomie „hängenbleibt“, sind keine Einzelfälle. Deutlich zeigt sich die- ses Mismatch in der Berufsgruppe der Hilfskräfte, der Großteil der Beschäf- tigten ist formal überqualifiziert. Dieser Befund überschneidet sich mit einer Analyse des Arbeitsmarktfor- schers Manfred Krenn, der die anhal- tende Nachfrage im Bereich der Ein- facharbeit behandelt. 700.000 Arbeits- plätze für angelernte Hilfstätigkeiten, für die keine Berufsausbildung nötig ist, stehen 545.000 Pflichtschulabsolven- tInnen gegenüber. Nur 37,3 Prozent der Beschäftigten in Einfacharbeiten verfügen über keine Berufsausbildung, über die Hälfte hat einen Lehrabschluss und zwölf Prozent haben Matura oder einen Universitätsabschluss. Es gibt in- dividuelle Gründe, um eine Qualifikati- on beruflich nicht nutzen zu können; Kompetenzen, die man nicht nutzt, verbrauchen sich. Zugleich decken die Zahlen einen Verdrängungswettbewerb auf. Da stellt sich die Frage: Rechnet sich Bildung? Beatrix Bender Sozialwissenschafterin