Arbeit&Wirtschaft 2/2016 17Schwerpunkt Land und Gemeinden. Vorteile, wie so- ziale Integration, Akzeptanz in der Be- völkerung, stehen den Nachteilen, wie Gefahr der Ausbeutung von billigen Arbeitskräften, gegenüber. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NGOs), darunter Caritas und Volkshilfe, haben daher Qualitätsstandards für die gemein- nützige Beschäftigung von Asylwerben- den erstellt, allen voran die Freiwilligkeit. Wie gerne Menschen gemeinnützig tätig sind, zeigt der erste Bericht zum freiwilligen Engagement in Österreich aus dem Jahr 2009, demzufolge rund 45 Prozent der ÖsterreicherInnen in Orga- nisationen, Vereinen oder der Nachbar- schaftshilfe aktiv sind. „Der Bericht zeigt, dass ein hohes Maß an bezahlter Beschäftigung und sozialer Sicherheit die beste Voraussetzung für freiwillige Betätigung schafft“, schrieb der damali- ge Sozialminister Rudolf Hundstorfer im Vorwort des Berichtes. Zweiter Arbeitsmarkt Die Auseinandersetzung um den zweiten Arbeitsmarkt besteht, seit es beschäfti- gungspolitische Maßnahmen gibt. „Je nach Zielsetzung und politischer Grund- stimmung in sehr unterschiedlicher Aus- prägung“, hatte der damalige Mitarbeiter des Bundesministeriums für Arbeit und Wirtschaft, Rainer Klien, im Februar 2001 im A&W-Beitrag „Gegen Einheits- denken und Zwangsarbeit. Zweiter Ar- beitsmarkt und innovative Beschäfti- gungspolitik“ geschrieben. „Geschützte Werkstätten für Behinderte, ‚Notstands- arbeiten‘ wie Kanalisation, Autobahn, Arbeitshäuser zur Disziplinierung oder reguläre Arbeitsplätze im Non-Profit-Be- reich zur Befriedigung wichtiger gesell- schaftlicher Bedürfnisse.“ Je nach Macht- verhältnis sei der zweite Arbeitsmarkt mit Zwang oder Freiwilligkeit verbunden. Mit Taschengeld oder regulärem Lohn, mit demütigender Beschäftigung in ge- sellschaftlich geächteten Bereichen oder in sinnvollen attraktiven Beschäftigungs- nischen. Fehlende Jobs Von den innovativen Programmen der 1980er-Jahre, als unter Sozialminister Alfred Dallinger der zweite Arbeitsmarkt als Teil einer experimentellen Politik ge- schaffen wurde, ist heute keine Rede mehr. Von einer „Log-in-Falle“ spricht Martin Mair, Obmann der 2009 gegrün- deten Selbsthilfeorganisation „Aktive Ar- beitslose“. „Wer einmal am zweiten Ar- beitsmarkt ist, bleibt auch dort. Haupt- problem sind nicht die schrecklichen Vermittlungshindernisse der Menschen, sondern die fehlenden Jobs.“ Er kritisiert unter anderem die „Vermischung von Be- treuungs- und Schulungsmaßnahmen“, die Zuweisungen mit Sanktionsdruck vom Arbeitsmarktservice (AMS) und die Umgehung von Kollektivverträgen durch Transitarbeitslöhne. Seit der im Februar 2014 gestarteten Aktion 50+, mit der langzeitarbeitslose Personen vorrangig am zweiten Arbeits- markt integriert werden sollen, verzeich- net er steigende Beschwerden, vor allem von qualifizierteren älteren Menschen. So würden etwa Frauen mit langjähriger Erfahrung weit unter ihren Fähigkeiten an sozialökonomische Betriebe zugewie- sen. Martin Mair: „Eine ehemalige Ge- schäftsführerin und Akademikerin durf- te bei der Caritas zum Hungerlohn Fet- zen schlichten.“ Ziel verfehlt Auch die VerfasserInnen der WIFO-Stu- die (November 2014) „Evaluierung von sozialen Unternehmen im Kontext neuer Herausforderungen“ orten Reformbe- darf. So könne etwa die gemeinnützige Arbeitskräfteüberlassung auch eine Sack- gasse sein. Nicht selten würden die Pro- bandInnen nie verleast und häuften nur „Stehzeiten“ an. Tatsächlich wurden ös- terreichweit nur ein Viertel, in Wien nur jeder fünfte Arbeitslose an einen Beschäf- tigerbetrieb überlassen. Die aktivierenden Arbeitsmarktpoli- tiken haben ihr Ziel verfehlt, meinen auch die AutorInnen des 2012 erschie- nenen Buches „Aktivierung in die Pre- karität“: „Sie haben zur Ausdehnung unsicherer und niedrig entlohnter Be- schäftigung geführt.“ Der Zugang zu Leistungen aus dem Arbeitslosenversi- cherungsgesetz sei sukzessive erschwert und die Zumutbarkeitsbestimmungen verschärft worden. Blogtipp: Aktive Arbeitslose Österreich: www.aktive-arbeitslose.at Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin gabriele.mueller@utanet.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Der ehemalige Hamburger Sozialsenator Detlef Scheele verglich Mini-Jobs mit der Sinn- haftigkeit von Schwalbenzählen auf Helgoland.