Arbeit&Wirtschaft 2/201628 Schwerpunkt E twas, das es arbeitsrechtlich gar nicht gibt: So zumindest bezeich- net Barbara Kasper, Bundesju- gendsekretärin der GPA-djp, das freiwillige Praktikum, das viele nach ab- geschlossener Ausbildung machen. Viel- mehr handelt es sich dabei um normale, befristete Dienstverhältnisse, die in der Regel gar nicht oder kaum bezahlt werden. „Für die Unternehmen sind Prakti- kantInnen billige Arbeitskräfte. Es geht nicht um Ausbildung, sondern um Um- gehung der Kollektivverträge“, kritisiert Kasper. „Die PraktikantInnen arbeiten produktiv mit und werden im Unter- nehmen gebraucht. Sie kriegen nur nichts bezahlt.“ Viele Praktika sind auf drei bis sechs Monate befristet. „Wir kennen aber auch Fälle, in denen die Praktika länger als zwölf Monate dauer- ten.“ Die PraktikantInnen erhielten monatlich nur wenige Hundert Euro. Insgesamt werden laut Statistik Austria nur 75 Prozent der Praktika bezahlt, 30 Prozent davon unter der Gering- fügigkeit. Die Unternehmen ersparen sich aber nicht nur die kollektivvertrag- lichen Gehälter und Löhne, sondern auch Abgaben und Steuern. Rechtliche Grundlage Aus rechtlicher Sicht existieren nur das Pflichtpraktikum und das Volontariat. Das Pflichtpraktikum ist in einigen Lehr- und Studienplänen vorgeschrieben, da- mit SchülerInnen und Studierende zu- sätzlich zur theoretischen Ausbildung praktische Erfahrungen sammeln. Es ist damit ein Ausbildungs- und kein Ar- beitsverhältnis. Ob und in welcher Höhe etwas bezahlt werden muss, ist häufig im Kollektivvertrag geregelt. Das Volonta- riat besteht aus ein paar Schnuppertagen, in denen man sich im Betrieb die Ar- beitsabläufe anschaut. Es bestehen keine Arbeitspflicht und kein Anspruch auf Bezahlung. „Das Problem ist, dass all die Begriffe unterschiedlich verwendet wer- den“, sagt die Gewerkschafterin. Aus rechtlicher Sicht sind die Unterschiede aber gravierend. Vollzeit-Job für 200 Euro Von freiwilligen Praktika sind meist jun- ge und gut ausgebildete Menschen be- troffen. Rund 30 Prozent aller Studie- renden haben während ihrer bisherigen Studienzeit schon mindestens ein frei- williges Praktikum absolviert. Etwa acht Prozent der AkademikerInnen sind nach ihrem Studienabschluss als PraktikantIn- nen beschäftigt. „Dass sie dabei in ir- gendeiner Form mitarbeiten, ist klar. Aber Mitarbeit ist etwas anderes als ei- genständige Arbeit“, sagt die GPA-djp- Bundesjugendsekretärin. Ein Beispiel aus ihrem Beratungsalltag: „Bei uns hat sich eine ehemalige Praktikantin gemel- det, die allein im Verlag saß und für ein Ressort allein zuständig war. Das ist nor- male Arbeit von 9 bis 17 Uhr, dafür be- kam sie 200 Euro gezahlt.“ Dass es sich bei den meisten Prakti- ka um normale Arbeitsverhältnisse han- delt, zeigt auch das Beispiel eines jun- gen, arbeitslosen Mediendesigners. Eine Firma bot ihm ein Praktikum an und beschrieb ihm genau, welche Aufträge er übernehmen könnte. Er hätte dafür aber seinen eigenen Laptop mitnehmen müssen. „Fixanstellungen werden den BerufseinsteigerInnen wie die sprich- wörtliche Karotte vor die Nase gehal- ten, wenn sie sich zuvor als Praktikan- tInnen beweisen“, so Kasper. „Oft heißt es: ‚Wir haben jetzt keine Stelle, aber in einem halben Jahr.‘ Und dann bist du halt noch einmal ein halbes Jahr dort, und dann gibt es die Stelle doch wieder nicht.“ Probleme gibt es aber nicht nur in der Medienbranche. Bei der GPA-djp melden sich auch viele Personen, die im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in technischen Beru- fen arbeiten. Später Berufseinstieg Die Gründe für den schwierigen Berufs- einstieg für AkademikerInnen: Der öffentliche Sektor fällt als Arbeitgeber immer öfter weg, und für die Privat- wirtschaft sind die Praxiserfahrung und das Verwerten von Wissen wichtiger ge worden. Die abgeschlossene Ausbildung al- lein zählt für Unternehmen wenig. Wie sich die heutige „Generation Prakti- kum“ entwickeln konnte, zeigt die his- torische Entwicklung der letzten 40 Jahre: Mit dem Anstieg an MaturantIn- nen und Studierenden Ende der 1970er-Jahre sind mehr qualifizierte junge Leute auf den Arbeitsmarkt ge- strömt. Ende der 1990er-Jahre began- nen die Unternehmen, berufsadäquate Erfahrungen bereits beim Arbeitsein- Die Karotte vor der Nase Viele Firmen ködern „PraktikantInnen“ mit Job­Versprechen – und beuten sie als unbezahlte Arbeitskräfte aus. Katja Dämmrich ÖGB Kommunikation