Arbeit&Wirtschaft 2/201632 Schwerpunkt F rau J. ist Lehrling in einer Tischlerei. Dort gibt es einen älteren Kollegen, der sehr beliebt ist. Er hat den Ruf, sehr gesellig zu sein, manche mun­ keln, dass er ein „Frauenheld“ sei. Frau J. findet seine Witze im Gegensatz zu den an­ deren nicht lustig. Es geht dabei immer wie­ der um Sex, und Frau J. ist dies unange­ nehm. Sie zeigt sich reserviert, bleibt aber freundlich und sagt nichts. Als sie einmal mit dem Kaffee kochen dran ist, folgt ihr der Kollege und berührt sie im Sozialraum an den Armen, am Po und streicht ihr über die Wangen. Frau J. ist starr vor Schreck und weiß nicht, was sie tun soll. Der Kol­ lege meint nur, sie sei wohl ein wenig „unterkühlt“. Danach umarmt sie der Kollege nun öfter, aber nie, wenn andere dabei sind. Frau J. nimmt all ihren Mut zusam­ men und geht zum Chef. Dieser verspricht ihr, dass er mit dem Kollegen sprechen wird. Frau J. geht es in der Zwischenzeit immer schlechter, da sie unentwegt darauf bedacht ist, dem Kollegen nicht allein zu begegnen. Nach ein paar Wochen fragt sie nach. Der Chef meint, dass ihm der Kolle­ ge gesagt habe, alles sei nur ganz freund­ schaftlich gemeint gewesen. Beispielhaft Es ist dies ein anonymisierter Fall aus der Beratung der Gleichbehandlungsanwalt- schaft, der beispielhaft für viele Fälle von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz steht – und damit für Zumutungen, mit denen Frauen im Arbeitsalltag konfron- tiert sind. Das Gleichbehandlungsgesetz (GlBG) schützt vor Diskriminierung am Arbeitsplatz, und zwar aufgrund des Geschlechtes, der ethnischen Zugehörig- keit, der Religion und Weltanschauung, des Alters und der sexuellen Orientie- rung. Objektiver und subjektiver Maßstab Eine immer noch sehr häufig vorkom- mende Diskriminierungsform ist die der (sexuellen) Belästigung. Um festzustellen, ob eine solche vorliegt, muss man sowohl einen objektiven als auch einen subjekti- ven Maßstab berücksichtigen. Objektiv muss die physische oder psychische Inte- grität verletzt werden oder im Fall der sexuellen Belästigung die sexuelle Selbst- bestimmung. Eine solche „Beeinträchtigung der Würde“ muss ein Mindestmaß an In- tensität aufweisen. Das Verhalten muss auch subjektiv als Grenzüberschreitung wahrgenommen werden und uner- wünscht, unangebracht oder anstößig sein. Die Perspektive der diskriminier- ten Person hat also Gewicht. Dabei ist wesentlich, dass die Belästigung nicht ein „Verschulden“ des/der Belästigers/ Belästigerin voraussetzt – auch wenn die Person es „nicht so gemeint hat“, liegt eine Belästigung vor. Es kann daher schon bei den anzüg- lichen Witzen eine sexuelle Belästigung vorliegen. Eine reservierte Haltung und körperliche Abwendung sollten ausrei- chen, um die subjektive Unerwünscht- heit zu erkennen. Gerade bei körperli- chen Berührungen ist es nicht nur nach menschlichem Ermessen, sondern auch juristisch zumutbar, dass man sich vor- her davor vergewissert, dass die andere Person dies auch will. Wahrnehmung zählt Eine Belästigung liegt auch vor, wenn ex- plizit in beleidigender Form z. B. auf die sexuelle Orientierung Bezug genommen und dies auch als feindselig wahrgenom- men wird. Dazu folgender Fall aus der Beratung der Gleichbehandlungsanwalt- schaft als Beispiel: Herr Z. ist als Handelsangestellter be­ schäftigt. Er erwähnt bereits zu Beginn des Arbeitsverhältnisses gegenüber dem Filial­ leiter und den KollegInnen, dass er homo­ sexuell ist, um spätere Irritationen auszu­ schließen. Einmal hält sich Herr Z. ge­ meinsam mit drei Arbeitskolleginnen und dem Filialleiter im Pausenraum auf. Ge­ sprächsthema ist eine Tanzsendung im Fernsehen, bei der in der gerade laufenden Staffel ein gleichgeschlechtliches Tanzpaar antritt. Während eine Arbeitskollegin das Tanzpaar als „süß und charmant“ be­ zeichnet, sagt Frau F.: „Schwule haben in der Öffentlichkeit nicht zu tanzen, das schickt sich nicht.“ Während Frau F. dies sagt, sucht sie Blickkontakt zu Herrn Z. und lächelt. Frau K. schließt sich dieser Auffassung an: „Schwule brauchen sich auch nicht in der Öffentlichkeit zu küssen.“ Um diese Aus­ sage noch zu verstärken, meint Frau K. weiter: „So ein Verhalten hätte in früheren Zeiten zu Konsequenzen geführt.“ Auch Frau K. schaut während dieser Äußerung Herrn Z. an und lacht provozierend. Herr Z. beteiligt sich nicht an der Unterhal­ tung, die Aussagen empfindet er als zu­ Zumutung sexuelle Belästigung So manche ArbeitnehmerInnen sind am Arbeitsplatz mit Vorurteilen oder gar sexueller Belästigung konfrontiert. Sandra Konstatzky Gleichbehandlungsanwaltschaft