Arbeit&Wirtschaft 2/2016 35Schwerpunkt sich auch anerkannt und als Person res- pektiert fühlen. Was halten Sie davon, wenn ein 54-jähriger Speditionsfach- mann im Großraumbüro vom Chef als „Blader, der sich offensichtlich nicht mal beim Essen beherrschen kann“, ti- tuliert wird. Oder vielleicht etwas weniger krass: Wie ordnen Sie die Anweisung einer Su- permarktkette ein, wonach sich Men- schen, die an der Feinkosttheke arbei- ten, bei der Arbeit infantile Weihnachts- mann-Mützen aufsetzen müssen – nicht aus hygienischen, sondern aus angeblich verkaufsfördernden Gründen? Wie passt es zu unseren angeblichen Werten (Res- pekt vor Frauen), dass Frauen in Öster- reich nach wie vor nicht gleich bezahlt werden wie Männer (teilzeitbereinigt, nicht mit objektiven Kriterien erklärbar 15 Prozent weniger)? Oder dass sie wegen ihres Ge- schlechts an eine „gläserne Decke“ sto- ßen, wenn es um den Aufstieg in Top- Jobs geht? Wie empfinden Sie es, dass es mittlerweile als Selbstverständlichkeit angesehen wird, dass man zu Beginn des Arbeitsverhältnisses einen Vertrag vor- gelegt bekommt, zu dem man nur ja oder nein sagen kann – und der noch dazu Leckerbissen wie eine Konventio- nalstrafe „in Höhe von sechs Bruttomo- natsentgelten für jeden Einzelfall eines Verstoßes“, z. B. für angeblichen „Ge- heimnisverrat“, vorsieht? Oder die Möglichkeit, „innerhalb Österreichs“ auf jeden anderen „auch ge- ringerwertigen“ Arbeitsplatz versetzt zu werden? Die Mitarbeiterin darf sich im Gegenzug darauf freuen, permanent videoüberwacht zu werden – Sicherheit und so. Oder es wird gar von ihr ver- langt, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen, sei es auch nur dadurch, dass stundenlang nichts getrunken wird, weil eine Toilettenpause organisatorisch nicht drinnen ist? Sollte ihr das Unternehmen Geld schuldig bleiben, so ist es nicht sicher, dass sie ein Recht auf Bezahlung hat. Kurze Verfallsfristen sorgen dafür, dass arbeitsrechtliche Ansprüche rasch in der Versenkung verschwinden. Wie nen- nen Sie das? Ich nenne es Zumutung. Tayloristische Messmethoden durch EDV, Standortdiskussion, Angst vor Ar- beitsplatzverlust, Unhöflichkeiten bis zu offener Aggression durch Vorgesetzte und KundInnen, psychische Belastun- gen wie schlechte Vorgaben und man- gelhafte Führung, miese Stimmung im Unternehmen: All das gehört nicht zu einer menschenwürdigen Arbeit in einer demokratischen Gesellschaft. Zumutung flexible Arbeitszeit Auch ausufernde Arbeitszeiten und die Verdichtung der Arbeit sind eine Zumu- tung, weil sie den Menschen ein Leben und Freiheit außerhalb der Arbeit zuneh- mend verunmöglichen. Ein Blick über die Grenze nach Deutschland zeigt: Der Stress wird immer größer. Laut DGB- Index fühlt sich jede/r zweite Arbeitneh- merIn gehetzt: 29 Prozent arbeiten am Wochenende, 24 Prozent müssen in der „Freizeit“ erreichbar sein, 57 Prozent ar- beiten unter Zeitdruck. Die Liste weiterer Zumutungen ist lang. Das demokratische Recht einer Belegschaft, zu verhindern, sich einen Betriebsrat zu wählen, wird als Kava- liersdelikt gesehen und ebenso – nicht – bestraft. Wirtschaftsgespräche mit dem Betriebsrat nicht oder mit flapsigen Angaben zu führen, hat für den oder die GeschäftsführerIn in der Praxis kaum Folgen. Betriebsratsmitgliedern ihre Ar- beit mutwillig zu erschweren und ihnen Steine in den Weg zu legen, führt oft dazu, dass sie ihr Engagement für die KollegInnen in einigen Bereichen als Zumutung empfinden müssen. Recht statt Gnadenakt Wir dürfen und müssen daher alle, die mit uns in diesem Staat leben, an die Grundsätze unseres Rechtsstaates erin- nern. Soziale Rechte sind kein Gnaden- akt. Und nein, es ist nicht so, dass man das Recht beugen darf und soll, bis sich die Balken biegen. Dem, der sich nicht geniert, für andere eine Zumutung zu sein, sei zumindest die Kant’sche Ethik ins Stammbuch geschrieben: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Ge- setzgebung gelten könne.“ Oder auf gut Deutsch: „Was du nicht willst, das man dir tu – das füg auch keinem and’ren zu!“ Internet: „Fremdbestimmung verursacht Stress“ Böckler Impuls 3/2016: tinyurl.com/zrh6nzx Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin silvia.hruska@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Typen, die sich mit Gelegenheitsjobs von einem Vollrausch zum nächsten hanteln, mag es vereinzelt geben. Für die allermeisten Menschen sind gute Arbeit, Wertschätzung und Anerkennung am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft aber ganz wichtige Werte.