26 Arbeit&Wirtschaft 7/2016 D er Butzweilerhof liegt im Nordwes- ten von Köln inmitten eines Ge- werbegebiets. „Verlängerte Werk- bank“ der rund 33.000 Mitglieds- betriebe nennt Ulla Schlottow das Bildungs- zentrum der Kölner Handwerkskammer. Sie koordiniert die vielfältigen Lehrgänge, die dort für verschiedene Zielgruppen an- geboten werden, neuerdings auch für Flüchtlinge. Hintergrund dafür ist eine In- itiative der Deutschen Bundesregierung, der Bundesagentur für Arbeit und des Zentralverbands des Deutschen Hand- werks: 10.000 Flüchtlinge sollen „fit fürs Handwerk“ gemacht werden. Unter dem Motto „Perspektiven für junge Flüchtlinge“ (PerjuF) werden auf der „verlängerten Werkbank“ seit rund einem Jahr eigens ein- gerichtete Kurse für jugendliche Geflüch- tete angeboten. Sie dauern vier bis sechs Monate und sollen die TeilnehmerInnen beruflich auf das duale deutsche Ausbil- dungssystem vorbereiten. Noch halten sich die TeilnehmerInnenzahlen in Grenzen, der Grund ist die relativ hohe Einstiegshürde: Eine selbstständige Verwendung der deut- schen Sprache (B1) wird vorausgesetzt. Druck, Geld zu verdienen Im Moment machen die TeilnehmerInnen ihr abschließendes Praktikum in einem Kölner Handwerksbetrieb. „Der nächste Kurs beginnt Ende August“, sagt Schlottow. Ihr bisheriges Fazit fällt sehr positiv aus: „Die KursteilnehmerInnen sind sehr moti- viert und viele konnten Fuß fassen.“ Zohir Sourou ist einer der AbsolventInnen des Kurses. Der kurdische Syrer aus Aleppo hat Asylstatus und macht derzeit eine Metall- bauerausbildung. Den vorherigen Kurs hat er zunächst nicht fertig gemacht: Als ihm ein Job angeboten wurde, stieg er nach drei Modulen aus. Der Grund: Er wollte heira- ten und mehr als den Hartz-IV-Satz verdie- nen, den er während der Ausbildung erhält. „Das passiert hin und wieder“, bestätigt Ulla Schlottow. Auch in Studien wie „An die Arbeit“ des Berlin-Institutes kommen solche Fälle vor. Die Geflüchteten stehen oft unter großem Druck, Geld zu verdie- nen, was es mitunter schwer macht, sie von der Wichtigkeit einer abgeschlossenen Aus- bildung zu überzeugen. Zunächst aber gilt es, noch viel einfa- chere Hürden zu überwinden. Denn die Strukturen und die Bürokratie, die Neu- ankömmlinge in Deutschland erwarten, sind kompliziert, erst recht, wenn es um die Arbeitssuche geht. Eine große Heraus- forderung sind die unterschiedlichen Be- hörden, die zuständig sind. So müssen Flüchtlinge zunächst registriert werden. Nach der Registrierung gilt ein dreimona- tiges Arbeitsverbot. In dieser Zeit werden sie aber bereits von der Agentur für Arbeit betreut, die für kurzzeitig Arbeitslose zu- ständig ist. Sobald Asyl gewährt wurde, kommt eine neue Behörde ins Spiel: das Jobcenter, das grundsätzlich für Langzeit- arbeitslose zuständig ist. Hier schlägt zu- sätzlich der deutsche Föderalismus zu: Die Arbeitsagentur ist eine Einrichtung des Bundes, die Jobcenter wiederum unterste- hen den Kommunen. In Nordrhein-West- falen hat man deshalb Integration-Points geschaffen, die möglichst fließende Über- gänge ermöglichen sollen. Dazu sitzen nun die Zuständigen der Arbeitsagenturen und Jobcenter in benachbarten Büros auf einem Flur. Zudem wurden die Kapazitä- ten erhöht: Bundesweit haben 2.800 neue MitarbeiterInnen in den Jobcentern und 800 in den Arbeitsagenturen mit der Ar- beit begonnen. Betreut werden aktuell 321.710 geflüchtete Menschen, davon sind 140.587 offiziell arbeitslos, das heißt, sie haben alle nötigen Berechtigungen. Einmal anerkannt, sind Flüchtlinge Deut- schen gleichgestellt, und zwar auch was den Mindestlohn angeht. Beratung der Firmen Auch in anderen Bereichen haben geflüch- tete Menschen direkt und indirekt viele neue Jobs geschaffen. Allein im öffentlichen Dienst wurden laut „Handelsblatt“ bundes- weit 24.000 neue MitarbeiterInnen einge- stellt. Viele Jobs entstehen darüber hinaus bei Bildungsträgern, Sprachschulen, Si- cherheitsfirmen, Wohlfahrtsverbänden und im Bausektor. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht. Auch die „verlängerte Werkbank“ der Kölner Handwerkskammer hat Zuwachs bekommen: Ulla Schlottow hat drei neue Leute eingestellt und seit 1. Juli berät ein Willkommenslotse der Handwerkskammer Firmen in Sachen Ausbildung und Inte- gration. Bundesweit gibt es 140 solcher LotsInnen, 2017 soll es weitere 150 geben. Geschaffen wurden sie vom Bundes- ministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), das 70 Prozent der Kosten über- nimmt. Einen solchen Lotsen hat auch die Industrie- und Handelskammer Köln. De- ren Stiftung hat ihr Programm erweitert: Mit den Kursprogrammen Ausbildungs- Reife und ArbeitsplatzReife kümmert man sich zusätzlich um geflüchtete Jugendliche Angela Huemer Freie Journalistin Mehr gemeinsam Deutschland versucht, Flüchtlingen durch mehr Koordination, mehr Personal und Integration in Bildungsprogramme den Einstieg in die Arbeitswelt zu erleichtern.