11Arbeit&Wirtschaft 8/2016 des Einkommens und der Gesundheit. So schätzen 88 Prozent der einkom- mensstärksten Personen ihren Gesund- heitszustand als sehr gut oder gut ein und nur zwei Prozent als schlecht oder sehr schlecht. Einkommensstark wird in dem Fall so definiert, dass man über mehr als 150 Prozent des Medianeinkommens verfügt. Am seltensten hingegen be- werten einkommensschwache Frauen ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut, nämlich 60 Prozent derer mit einem Einkommen, das bei weniger als 60 Prozent des Medianeinkom- mens liegt. Umgekehrt schätzen acht Prozent ihre eigene Gesundheit als schlecht ein. Armutsbekämpfung als Prävention „Armutsbekämpfung ist die beste Krank- heitsprävention“, kommentierte Bern- hard Achitz die Ergebnisse der Studie. Man müsse schon in den Kindergärten und Schulen ansetzen und Bewusstsein für ein gesünderes Leben schaffen, eben- so später am Arbeitsplatz. „Prävention und Aufklärung muss dort ansetzen, wo man die Menschen erwischt: In den Kindergärten, Schulen und in den Betrieben“, so der leitende ÖGB-Sekretär. Achitz nimmt auch die Unternehmen in die Pflicht: „Die Für- sorgepflicht des Arbeitgebers muss viel weiter gehen als bisher. Nur so können teure chronische Krankheiten verhin- dert werden. Betriebliche Gesundheits- förderung muss zur Pflicht werden, statt wie derzeit nur freiwillige Leistung.“ Zusätzlich zu einem umfassenden Prä- ventions- und Gesundheitsförderungs- gesetz müssten Maßnahmen der be- trieblichen Gesundheitsförderung auch über Betriebs- beziehungsweise Dienst- vereinbarung erzwingbar durchgesetzt werden können. Ansetzen müsse man auch bei der Lehre: Lehrlingen wird viel zu wenig die Möglichkeit geboten, Sport zu betrei- ben und damit ein gesünderes Leben zu führen. „Es ist nicht einzusehen, dass es ausgerechnet an den Berufsschulen kei- ne ‚Turnstunden‘ gibt“, kritisiert Achitz. Seine Forderung: Sportunterricht muss in den Fächerkanon an Berufsschulen integriert werden. Mehr soziale Gerechtigkeit Einmal mehr rächt es sich, dass Öster- reich eine Bildungsreform schuldig bleibt, die für mehr soziale Gerechtigkeit unter den SchülerInnen sorgt. Somit ha- ben die Defizite im Bildungsbereich nicht nur schlechtere Einkommenschan- cen der betroffenen Kinder zur Folge, ja, das gefährdet sogar ihre Gesundheit. „Wir müssen daher die Bildungschancen aller Kinder und Jugendlichen verbessern – bei der Grundbildung, aber auch bei der Berufsbildung und bei der Höherbil- dung“, so Achitz. Um dieser Ungleichheit bei der Gesundheit entgegenzuwirken, ist also nicht nur die Gesundheitspolitik ge- fragt. Vielmehr haben die gesamte Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Sozial- und Bildungspolitik entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit: Arme ha- ben schlechtere Jobs, die gesundheitlich belastender sind. Sie müssen größere Angst haben, ihre Arbeitsplätze zu ver- lieren – eine psychische Belastung, die krank macht. Sie müssen in schlechte- ren Wohnungen leben. Sie können sich nicht gesund ernähren, weil sie sich das ganz einfach nicht leisten können. Bernhard Achitz dazu: „Daher besteht Gesundheitspolitik nicht nur aus Spitä- ler bauen. Sozialpolitik ist immer auch Gesundheitspolitik, denn Armutsbe- kämpfung ist die beste Krankheitsprä- vention.“ Richtige Arbeitsmarktpolitik Bildung ist neben anderen sozialen Selektionskriterien der wesentliche Fak- tor für künftige Berufs- und Ein- kommenschancen. Je schlechter die Bildung, desto höher ist das Risiko, später einmal arbeitslos zu werden, und auch länger arbeitslos zu bleiben. Deshalb ist Bildung die beste Arbeits- marktpolitik, und richtige Arbeits- marktpolitik ist die beste Armutsver- meidungspolitik. Studie der Statistik Austria zu Einkommen und Gesundheit: www.statistik.at/web_de/presse/109625.html Studie der Armutskonferenz zu Armut und Gesundheit: tinyurl.com/ja73uly Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin sonja.fercher@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at