Arbeit&Wirtschaft 9/2016 denn es geht doch darum, wie die Ar- beitswelt in Zukunft aussehen wird und die Unternehmen dafür fit zu machen. Sel: Deshalb sollten wir auch über Quo- ten und entsprechende Regelungen für Ausschreibungen reden. Gesetzliche Re- gelungen sorgen dann dafür, dass sich al- le mit der Thematik beschäftigen. Vollmann: Gut, dass du das erwähnst. Die Stadt Wien macht das ja schon seit Jahren. Unternehmen, die an Ausschrei- bungen teilnehmen, müssen bekannt ge- ben, was sie für die Frauenförderung ge- tan haben und tun. Oder sie müssen kon- krete Pläne und Ziele dafür bekannt geben. Falls das nicht eingehalten wird, müssen die Unternehmen Pönale zahlen. Das müsste doch auch österreichweit möglich sein. Gibt es hier nicht schon eine eher ver- wirrende Vielfalt? Sel: Ja, zum Teil ist es etwas verwirrend. Ich sitze in der Jury für den Preis, der frü- her die familienfreundlichsten Unterneh- men ausgezeichnet hat, jetzt heißt er Staatspreis „Unternehmen für Familien“. Aber es bringt schon etwas Positives mit sich, einfach, weil sich die Unternehmen damit beschäftigten müssen. Es gibt oft lange Fragebögen und man schaut sich viele Details an, Einkommen von Män- nern und Frauen, Arbeitszeitmodelle etc. Vollmann: Arbeitszeitmodelle sind ein zentrales Thema. Bei abz austria haben wir seit mehr als zehn Jahren Gleitzeit zwischen sechs und 22 Uhr ohne Kernzeit, mit der täglichen Maximalarbeitszeit von zehn Stunden, das klappt tadellos. Alle abz-Mit- arbeiterinnen wissen also, wovon sie reden, wenn sie den Unternehmen Gleitzeitsys- teme empfehlen. Was würden Sie heute – mit Blick auf das Volksbegehren von damals – fordern, wenn es ein neues Volksbegehren gebe? Vollmann: Tja, wer weiß, vielleicht brau- chen wir bald eines … Die Vergabe wäre sicher ein guter Hebel. Dieser Punkt ist ja von damals auch noch offen. Was 1997 außerdem nicht dabei war: eine Frauen- quote, aber nicht nur für Aufsichtsräte, Asiye Sel: „Wir müssen viel mehr darüber re- den, dass nach wie vor typisch weibliche Dienstleistungsberufe wie etwa Friseurin oder Care-Tätigkeiten schlechter bezahlt werden.“ sondern auch für die Geschäftsführung und den Vorstand. Eine Quote in welcher Höhe? Beide unisono: Mindestens 50 Prozent, entsprechend dem Bevölkerungsanteil. Sel: Die Verantwortung der Väter muss auch hinein. Vollmann: Genau, halbe-halbe würden wir auch fordern. Sel: Und gleiche Bezahlung für gleichwer- tige Arbeit. Dieses Zitat von vorhin gefällt mir gut, Fürsorge ist ein essenzieller Bereich unseres Lebens, Care-Arbeit muss aufge- wertet werden. Außerdem sollten wir Be- schäftigung entsprechend dem Ausbil- dungsgrad fordern. Hier sind ja Frauen mit Migrationshintergrund besonders benach- teiligt. Vollmann (deutet auf Punkt 4 des Volks- begehrens): Was machen wir mit dieser For- derung? Das ist immer noch nicht erledigt. Sel: Es ist beschämend, dass bei der Not- standshilfe nach wie vor das PartnerInein- kommen angerechnet wird. Schließlich ist das eine Versicherungsleistung, in die alle Beschäftigten einzahlen. Vollmann: Ja, diese Diskriminierung ver- stehe ich einfach nicht. Außerdem müss- ten wir noch einen Punkt ergänzen, wo es darum geht, Altersarmut bei Frauen zu verhindern. Das Thema wird in den nächsten Jahren akut werden. Ich erin- nere mich noch gut an die Aufregung, als vor einiger Zeit die Berechnungen über die zukünftige Pensionshöhe verschickt wurden. Da ist es bei uns tagelang rund- gegangen, weil so viele Frauen entsetzt waren, wie niedrig die Beträge ausfielen. Sel: Nicht fehlen darf bzw. bleiben muss auch der Ausbau der Kinderbetreuung. Je- des Kind hat ein Recht auf Betreuung durch gut geschulte PädagogInnen. Was ich mir sonst noch wünsche, ist mehr Män- nersolidarität mit ihren Schwestern, Töch- tern und Ehefrauen. Schreiben Sie Ihre Meinung an die Redaktion aw@oegb.at 21