22 Arbeit&Wirtschaft 9/2016 I m sechsten Berufsjahr nicht einmal so viel verdienen, wie andere im drit- ten Lehrjahr als Lehrlingsentschädi- gung bekommen: Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist leider gera- dezu ein symbolisches Beispiel dafür, wa- rum die Einkommensschere in Österreich nach wie vor weit offen ist. Immerhin ist das durchschnittliche Bruttojahresein- kommen von Frauen um mehr als ein Drittel niedriger als jenes der Männer. Schon in jungen Jahren, nämlich bei der Auswahl der Lehrausbildung, gehen Burschen und Mädchen unterschiedli- che Wege: Fast die Hälfte der weiblichen Lehrlinge wählt gerade einmal drei Lehrberufe, nämlich Einzelhandel, Bü- rokauffrau und Friseurin. Guter Verdienst, wenige Lehrstellen Es sind auch Berufe, in denen die Ein- kommen sehr niedrig sind. Während bei- spielsweise ein Maurer im dritten Lehr- jahr mit 1.849 Euro brutto nach Hause geht, müssen sich Friseurinnen nach sechs Jahren Berufserfahrung mit rund 1.612 Euro brutto zufriedengeben. Auch wenn bei den Friseurinnen das Trinkgeld nicht enthalten ist, so weist dieser Ver- gleich doch auf einen wesentlichen Fak- tor hin, weshalb Frauen so schlecht ab- schneiden, was das Einkommen betrifft. Der Arbeitsmarkt kommt jungen Men- schen nicht gerade entgegen, im Gegen- teil: Wo man relativ gut verdient, besteht kein so üppiges Lehrstellenangebot. So gibt es etwa im Fremdenverkehr einen massiven Überschuss an Lehrstellen: Auf rund 1.500 angebotene Lehrstellen ka- men im Jahr 2015 rund 500 Lehrstellen- suchende. In den Metall- und Elektrobe- rufen ist es umgekehrt, dort rangeln rund 1.400 Lehrlinge um rund 450 offene Lehrstellen, am Bau kamen 457 Lehrlin- ge auf 176 offene Lehrstellen. Doppelt so viele Hilfskräfte Vor diesem Hintergrund nimmt es wenig wunder, dass die Segregation in den mit- tel qualifizierten Berufen mit Lehr- oder BMS-Abschluss am stärksten ist. Frauen sind in diesem Segment auf die Angestell- tenberufe wie Bürokräfte, Dienstleistung oder Verkauf konzentriert. Stark segre- gierte „Männerberufe“ wiederum sind Fertigungsberufe wie Handwerk, Ma- schinenbedienung oder Montage. Der Anteil der Hilfskräfte schließlich ist unter den Frauen fast doppelt so hoch wie un- ter den Männern. Der Anteil der Führungskräfte ist unter den Männern mehr als doppelt so hoch wie unter den Frauen. Die ein- drucksvolle Expansion höherer Ausbil- dungen von Frauen findet zwar ihren Niederschlag darin, dass unter ihnen sowohl der Anteil der akademischen Be- rufe als auch jener mit technischen und nicht technischen Ausbildungen auf Maturaniveau höher sind als bei den Männern. Allerdings werden diese Po- tenziale nicht genutzt, sondern Frauen vielmehr unter ihren Qualifikationen beschäftigt. Selbst das stabilste Beschäf- tigungssegment, nämlich jenes der ganz- jährig vollzeitbeschäftigten unselbststän- dig Erwerbstätigen, ist in hohem Aus- maß von geschlechtsbezogener Segrega- tion gekennzeichnet. Zu den segregierten Frauenberufsgruppen (mit einem Frau- enanteil von mehr als 60 Prozent) zäh- len Lehrkräfte, Assistenzberufe im Ge- sundheitswesen, Betreuungsberufe, Bü- rokräfte, Verkaufskräfte und Reinigungs- personal. Stark segregierte Männerberufsgrup- pen (mit einem Männeranteil von als 85 Prozent) sind etwa Fahrzeuglenker, Bau- fachkräfte, Metallberufe, Elektrik- und Elektronikfacharbeiter, Ingenieurfach- kräfte oder IK-Techniker. Frühe Berufswahl von Nachteil Die traditionelle Auswahl von Lehrberu- fen fällt freilich nicht vom Himmel. Viel- mehr beeinflusst die soziale Herkunft die geschlechtsspezifischen Vorstellungen über erstrebenswerte und erreichbare Be- rufe, Bildungs- und Berufsentscheidun- gen. Der Elternhaushalt und dessen so- ziales Umfeld, Gleichaltrige und Schul- kollegInnen spielen dabei eine Rolle. Töchter von Eltern mit Universitätsab- schluss haben etwa andere Bilder von an- zustrebenden und erreichbaren Berufen als Töchter von Eltern mit Facharbeite- rInnenberufen. Derartige Vorstellungen werden in der Schule oft unbewusst ver- stärkt, und die Medien transportieren ebenfalls solch gängige Zuschreibungen. Ein weiterer Aspekt ist der Zeit- punkt, in dem junge Menschen die Ent- scheidung über ihre spätere Berufslauf- Michael Mesch Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik, AK Wien Sonja Fercher Chefin vom Dienst der A&W Frauen hier, Männer dort In Österreich entscheidet weiterhin das Geschlecht über die Berufswahl junger Menschen und nicht ihre Fähigkeiten und Interessen. © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l