36 Arbeit&Wirtschaft 9/2016 F rauen zahlen den Preis für ein funk- tionierendes Familienleben.“ So fasst das Institut Arbeit und Qua- lifikation der Universität Duisburg- Essen die Ergebnisse einer Studie zu den unterschiedlichen Arbeitszeiten von un- selbstständig beschäftigten Männern und Frauen zusammen. Die Frauenabteilung der GPA-djp präzisiert das Problem: „Die ungeschminkte Wahrheit lautet: Frauen in Österreich leisten zwar fast doppelt so viele Stunden an unbezahlter Arbeit wie Männer, aber sie verdienen wesentlich weniger, da sie dadurch weniger Stunden bezahlte Erwerbsarbeit leisten.“ Die Zeitschere In Österreich betrug der „Gender Time Gap“– also der Unterschied zwischen Män- nern und Frauen bei der bezahlten Wo- chenarbeitszeit – im Jahr 2015 mehr als acht Stunden. Dies ist der dritthöchste bzw. drittschlechteste Wert in der Europäischen Union. Bemerkenswert: Bei immerhin 17 von 28 EU-Staaten macht diese Lücke we- niger als vier Stunden pro Woche aus. In Österreich hat sich zwar dieser „Gap“ in den letzten zehn Jahren um knapp eine Stunde reduziert. Den ent- sprechenden politischen Bemühungen – etwa um den Ausbau der Kinder- und Nachmittagsbetreuung oder die Reform des Kindergeldes – wirkt aber vor allem die massive Ausweitung der Teilzeit per- manent entgegen. So ist die Teilzeitrate in Österreich stärker gestiegen als an- derswo, nämlich um 25 Prozent. Im EU-Schnitt erhöhte sich dieser Wert le- diglich um rund 15 Prozent. Frauen sind von dieser Entwicklung besonders negativ betroffen. Bei ihnen hat sich die- ser Wert von 1994 bis 2015 von 26 auf rund 48 Prozent erhöht, während er bei Männern – trotz einer ebenfalls deutli- chen Steigerung – nur bei 11 Prozent lag. Nach einer Studie der Statistik Aus- tria ist der Stundenlohn von Frauen, die Teilzeit arbeiten, zudem im Durch- schnitt um fast ein Viertel niedriger als jener von Frauen, die Vollzeit beschäf- tigt sind. Genau umgekehrt stellt sich demge- genüber die Kluft zwischen Männern und Frauen bei der unbezahlten Arbeit bzw. der Gesamtarbeitszeit dar. Laut Zeitverwendungsstudie der Statistik Aus- tria arbeiten erwerbstätige Frauen 66 Stunden pro Woche. 40 Prozent dieser Arbeit sind unbezahlt. Bei Männern sind es 64 Stunden, allerdings zwei Drittel davon bezahlt. Allheilmittel Flexibilisierung? Flexibel arbeiten und Vereinbarkeit le- ben: So lautet das Motto von „Frau in der Wirtschaft“ der Wirtschaftskammer Österreich. Gefordert werden unter an- derem Einzelvereinbarungen zur Festle- gung der Wochenarbeitszeit sowie die problemlose Erhöhung der täglichen Ar- beitszeit für unselbstständig Beschäftig- te. Zumindest in der Theorie klingt dies verlockend. In der Praxis aber würde das vor allem den Wegfall von Zuschlägen und Normalarbeitszeiten von bis zu zehn Stunden pro Tag bedeuten. Frauen, die – wie erwähnt – durch die hohe Teilzeit- quote ohnehin weniger verdienen und damit auch weniger Pension erhalten, würden so zusätzlich belastet werden. Der Druck, auf Zuruf des Unterneh- mens gegebenenfalls einfach länger zu arbeiten, würde weiter steigen, und da- mit würden die Möglichkeiten, „Verein- barkeit“ zu leben, in vielen Fällen sogar real sinken. Flexibilisierung nutzt Männern Bemerkenswert sind in diesem Zusam- menhang die Ergebnisse einer Studie von Yvonne Lott und Heejung Chung, Forscherinnen der Hans-Böckler-Stiftung und der University of Kent. Tatsächlich vergrößert nämlich der Wechsel in Gleit- zeit oder in frei wählbare Arbeitszeiten die Lohnschere zwischen Männern und Frauen. Bei Männern steigt nach einem Wechsel auf Gleitzeit der Jahresbrutto- lohn im Schnitt um 1.200 Euro, bei voll- ständiger Arbeitszeitautonomie sogar um 2.400 Euro. Selbst wenn der Überstun- den-Effekt herausgerechnet wird, bleiben Zuwächse von 1.100 bzw. 2.100 Euro. Bei Frauen ist demgegenüber keine sig- nifikante Veränderung feststellbar. Doch warum ist das so? Die beiden Wissenschafterinnen meinen, dass Vor- gesetzte hier Männern einfach höheres Engagement und mehr Produktivität zumindest zuschreiben. Frauen müssen demgegenüber flexiblere Arbeitszeiten vor allem dazu nutzen, um weiter ihren Betreuungspflichten nachzukommen. Auch wenn Gleitzeitmodelle im einen oder anderen Fall Sinn machen können, lösen Flexibilisierungen somit keines- wegs Fragen der Verteilungsgerech- John Evers Erwachsenenbildner und Historiker Das Ringen um die Zeit Frauen arbeiten mehr und verdienen weniger als Männer. Doch es könnte auch anders gehen.