Arbeit&Wirtschaft 1/20168 Interview Arbeit&Wirtschaft: Lohnt es sich in Österreich, Gewerkschaftsmitglied zu sein? Immerhin gibt es eine starke Sozialpartnerschaft. Susanne Pernicka: Die Frage müsste man von zwei Seiten stellen. Erstens: Lohnt es sich für die Gewerkschaft, Mitglieder zu haben? Zweitens: Lohnt es sich für den Ein- zelnen und die Einzelne, Gewerkschafts- mitglied zu sein? Fangen wir bei den Mitgliedern an. Da würde ich drei Argumente ins Feld füh- ren. Mitglied in der Gewerkschaft zu sein ist heute wichtiger geworden, als es viel- leicht noch vor zwei, drei Jahrzehnten war. Der Grund ist die Veränderung der Arbeits- welt, die sich in einer unglaublichen Ge- schwindigkeit vollzieht und durch zahlrei- che Entgrenzungsphänomene sichtbar wird. Es ist also notwendiger denn je, denn Arbeitsverhältnisse werden ja nicht besser, sondern eher schlechter. Es kommt zur Fle- xibilisierung, manchmal zum Vorteil, aber sehr häufig zum Nachteil der Arbeitneh- merInnen. Dazu kommt, dass sich das Kräfte- gleichgewicht zwischen Arbeit und Kapi- tal ganz massiv zulasten der Arbeitneh- merInnenseite verschoben hat. Grund da- für sind Prozesse der Internationalisierung und der Europäisierung. Die Europäische Union wird hauptsächlich als wirtschaftli- che Union verstanden. In der Arbeits- und Sozialpolitik sowie in Bezug auf die Lohn- politik sind die Kompetenzen primär auf der nationalstaatlichen Ebene verblieben. Diese Machtverschiebung führt dazu, dass sich die Arbeitgeber sehr viel mehr trauen. Zum Beispiel, dass man einen Ar- beitsvertrag vergibt und keinen freien Dienstvertrag. Das ist einerseits Ausdruck dieser Machtverschiebung, andererseits einer Veränderung in der normativ-kultu- rellen Vorstellung, was gut und richtig ist: Wie darf oder soll Arbeit organisiert wer- den? Und das hat sich stark in Richtung Flexibilisierung und Prekarisierung ver- schoben. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist eine kollektive Organisierung der Inte- ressen von ArbeitnehmerInnen notwen- dig, weil ja immer ein Ungleichgewicht zwischen der individuellen Arbeitskraft und dem Unternehmen besteht. Da ist schon grundsätzlich ein Machtungleichge- wicht angelegt, und je geringer der Orga- nisationsgrad und die Gegenmacht in kol- lektiver Hinsicht sind, desto größer ist die Macht der Arbeitgeberseite. Das ist das dritte Argument, warum es in kapitalisti- schen Gesellschaften nach wie vor Sinn macht, in die Gewerkschaft einzutreten. Österreichs Gewerkschaften gelten als wenig kämpferisch. Ein Vorurteil? Wenn man es sich im Zeitverlauf ansieht: Es gab unter Schwarz-Blau Streiks – und dann wieder 2011/2012. Das waren ganz massive Metallarbeiterstreiks. Hintergrund war der, dass die Arbeitgeberseite nicht nur angedroht hat, sondern es letztlich durch- gesetzt hat, dass der Metall-Kollektivvertrag – der wichtigste Kollektivvertrag in Öster- reich – nicht mehr von allen Arbeitgebern als Kollektiv verhandelt wird, sondern dass es fünf Einzel-Kollektivverträge gibt. Das hat zu massivem Widerstand geführt und zu Streiks in der Metallindustrie. Den Ge- werkschaften ist es bis heute allerdings ge- lungen, einheitliche Lohn- und Gehalts- steigerungen in allen fünf Teilbereichen durchzusetzen. Wie steht es um die Organisierung atypisch Beschäftiger? Die Gewerkschaften sind hier sehr unter- schiedlich aufgestellt. Manche bewegen sich so gar nicht in Richtung der prekari- sierten, flexibilisierten ArbeitnehmerInnen, andere mehr. Dann ist es natürlich eine Frage der Wahrnehmung: Wenn ich nie Kontakt zu einer Gewerkschaft hatte und in meinem Betrieb keinen Betriebsrat habe und vielleicht über andere Medien zu we- nig Werbung gemacht wird, und die Me- dien berichten über bestimmte Themen nicht, sie berichten selten über Arbeits- Notwendiger denn je Soziologin Susanne Pernicka über Strategien der Mitgliederwerbung und die Machtverschiebung zu Ungunsten der ArbeitnehmerInnen. Z U R P E R S O N Susanne Pernicka ist Vorständin des Instituts für Soziologie und leitet die Abteilung für Wirtschafts- und Organisati- onssoziologie an der Uni Linz. Sie studierte Betriebswirtschaft an der WU Wien, Politikwissenschaft am IHS und habilitierte im Fach Wirtschaftssoziologie an der Uni Graz. Sie war Post- doc-Visitor an der London School of Economics sowie an der University of California, Berkeley. Ihre Forschungsinteressen: Arbeitsbeziehungen aus internationaler und transnationaler Perspektive. Un- ter anderem untersuchte sie Mitgliedergewinnungs- strategien österreichischer Gewerkschaften, beschäf- tigte sich mit der Organisierung atypisch Beschäf- tigter sowie mit den Bemühungen der Gewerkschaften zu einer europäischen Lohnkoordinierung.