Arbeit&Wirtschaft 1/201616 Schwerpunkt W ie lange dauern Verhandlungen? Was gab es zu essen? Wie „hart“ wurde verhandelt? Fragen wie diese werden Gewerkschafte- rInnen rund um die Kollektivverhand- lungen leider allzu oft gestellt. Dabei geht es bei diesen Verhandlungen um etwas sehr Handfestes, nämlich um fundamentale Fra- gen der Verteilung von Geld und Zeit. Un- sere Arbeitszeit ist Lebenszeit. Sie ist somit Eigentum und wichtigstes Tauschmittel der Beschäftigten, das sie gegen Lohn oder Ge- halt hergeben. Genau das ist jedes Jahr aufs Neue Thema der Kollektivvertragsverhand- lungen. Gerechte Verteilung der Ernte Gewerkschaften versuchen in diesen Ver- handlungen mehrere Interessen der Arbeit- nehmerInnen durchzusetzen. Dazu gehört etwa der Inflationsausgleich: Die Beschäf- tigten sollen sich mit den von ihnen erar- beiteten Löhnen und Gehältern nicht we- niger leisten können, nur weil die Lebens- haltungskosten steigen. Ein weiteres Thema ist die gerechte Verteilung der Produktivi- tätssteigerungen, sodass diese nicht nur Arbeitgebern zugutekommen, sondern auch die ArbeitnehmerInnen für ihre Mehr- leistung entsprechend mehr Geld oder be- zahlte Freizeit erhalten. So wurde etwa im Kollektivvertrag der Metaller erreicht, dass der 31. Dezember nun bei Fortzahlung des Entgelts arbeitsfrei ist. Eine innovative Möglichkeit trägt den Titel „Freizeitop- tion“. Das bedeutet, dass Beschäftigte in zahlreichen Kollektivverträgen ihre Ist- Lohn-Erhöhung in freie Tage tauschen kön- nen. Das ist uns deshalb wichtig, weil in Österreich pro Jahr über 270 Millionen Überstunden geleistet werden. Die durch- schnittliche Wochenarbeitszeit liegt dabei bei rund 42 Stunden. Damit gehört Öster- reich zu den Ländern mit den längsten Arbeitszeiten in Europa. Während viele Be- schäftigte unter langen Arbeitszeiten leiden, steigt gleichzeitig die Arbeitslosigkeit auf neue Rekordhöhen. Deshalb setzen wir uns für kürzere Arbeitszeiten und bessere Arbeitszeitkon trolle ein. In Sachen Gleich- stellung der Geschlechter wiederum haben wir erreicht, dass in vielen Kollektivverträ- gen die Vordienstzeiten angerechnet wer- den. Dies bringt für Frauen in Verbindung mit Kinderbetreuungszeiten Vorteile. Ein anderer wichtiger Schritt in Richtung Gleichstellung war die Einführung eines Mindestgehalts von 1.700 Euro. Wie kämpferisch laufen Kollektivver- tragsverhandlungen nun eigentlich ab? Meistens lässt sich die Atmosphäre mit „höflich im Ton, aber in der Sache hart“ charakterisieren. Bei Respektlosigkeiten wie etwa im Jahr 2010, als bei den Kollek- tivvertragsverhandlungen Metall die Ar- beitgeber vom erhöhten Podium aus den GewerkschafterInnen (weiter unten sit- zend) die „Wirtschaftswelt“ erklären woll- ten, stehen wir auch gelegentlich einmal auf. Verhandelt wird auf Augenhöhe! Während wir mit unseren Sozialpart- nern an der fairen Entlohnung der Arbeit- nehmerInnen und an fairen Arbeitsbedin- gungen arbeiten, versuchen „Wirtschafts- versteherInnen“ aus Politik und einschlä- gigen Institutionen, Gewerkschaften öffentlich unter Druck zu setzen. Eines der beliebtesten Schlagworte dabei ist die Wettbewerbsfähigkeit. Sie scheint für Un- ternehmen und die EU-Kommission eine fundamentale Glaubensfrage zu sein, der sich alles und alle unterzuordnen haben. Für die Beschäftigten allerdings bedeutet es oft den Verkauf der eigenen Lebens- bzw. Arbeitszeit um nahezu jeden Preis – ohne garantierte Gegenleistung. Das Thema „Wettbewerbsfähigkeit“ wird GewerkschafterInnen gerne bei Ver- handlungen als Argument „aufgetischt“. Da sind wir gerne dabei, wenn es um „fai- ren Mitbewerb“ geht, der nachhaltig ist und nicht auf Kosten von Beschäftigten und Umwelt geht. Hingegen haben wir kein Verständnis für die Unzahl an Unter- nehmensberaterInnen und Wirtschaftsan- wältInnen, die sich meist auf Kosten der Beschäftigten eine „goldene Nase“ verdie- nen und Unternehmen zu Outsourcing, Verlagerungen oder Umstrukturierungen raten. Fragt man einige Jahre später nach den Ergebnissen, wird man selten fündig. Ein Schelm, wer dahinter Böses vermutet! BetriebsrätInnen und Gewerkschaftssekre- tärInnen könnten allein mit Geschichten über absurde Folgen von Verlagerungen ganze Bücher füllen. So wurde beispiels- Geld oder Leben? Beides natürlich! In den jährlichen Kollektivvertragsverhandlungen geht’s um viel mehr als um Lohn- und Gehaltserhöhungen. Rudolf Wagner Wirtschaftsbereichssekretär in der GPA-djp und Verhandlungsleiter der Angestellten bei den KV-Verhandlungen der Metallindustrie EIN GUT ER G RUN D B U C H T I P P Joseph Stiglitz: Reich und Arm Verlag Siedler, 512 Seiten, 2015, € 25,70 ISBN: 978-3-8275-0068-7 Bestellung: www.diefachbuchhandlung.at