Arbeit&Wirtschaft 1/201618 Schwerpunkt S chon zur Zeit der Monarchie for- derten sozialdemokratische und christliche Gewerkschaften die Er- richtung von Arbeiterkammern als wissenschaftliche Institution zur Analyse gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Vorgänge. Im Jahr 1920 beschrieb Fer- dinand Hanusch die Aufgabenaufteilung so: „Während die Betriebsräte auf die Ge- staltung der Betriebsverhältnisse Einfluss nehmen und die Gewerkschaften die be- sonderen beruflichen Interessen ihrer Mit- glieder vertreten, werden die Arbeiterkam- mern darüber hinaus zusammenfassend alle wirtschaftlichen Forderungen der Ar- beiter und Angestellten als produzierende und konsumierende Bürger im Staate zu verfechten haben. Damit werden die Kam- mern vorzugsweise praktische Gegenwarts- arbeit zu verrichten haben, an deren un- bedingter Notwendigkeit und Nützlich- keit kein vernünftiger Mensch zweifelt.“ Faust und Hirn Bisweilen hört man die Erklärung: „Die Gewerkschaft ist die Faust – die AK das Hirn.“ Gemeint ist damit, dass die Ge- werkschaften „Kampforganisationen“ sind und die Arbeiterkammern wissenschaftli- che Einrichtungen, die in der Öffentlich- keit oft auch als „unpolitisch“, wohl in falschem Verständnis von „überparteilich“, wahrgenommen werden. Der Satz ist zwar plakativ, spiegelt die Realität aber aus mei- ner Erfahrung in Gremienarbeit, Sozial- partnerverhandlungen oder Gesetzwer- dungs- bzw. Verhinderungsprozessen nicht zutreffend wider. Viel zitiert sind die we- nigen Streiksekunden in Österreich, der sehr hohe Lebensstandard, die verläss- lichen Bedingungen für den Standort und die Handschlagqualität der FunktionärIn- nen in den Gewerkschaften. Verhand- lungskultur wird von den Gewerkschaften großgeschrieben, neue Wege der Kollek- tivvertragsverhandlungen tragen dort, wo sie auf ein ebenso konsensorientiertes, ver- nünftiges Sozialpartner-Gegenüber treffen, durchaus Früchte. Was das Hirn, schöner formuliert die Expertise, betrifft, brauchen sich die ös- terreichischen Gewerkschaften hinter nie- mandem verstecken. Als ich 2014/2015 als Expertin in der ÖGB-Rechtspolitik arbeitete, konnte ich teilweise nur stau- nend erleben, wie tiefgründig und breit das Wissen der MitarbeiterInnen und FunktionärInnen in den Gewerkschaften ist. Die Menschen im ÖGB bringen einen entscheidenden Vorteil mit, den man auf der besten Universität nicht lernen kann: Sie haben Haltung und sind überzeugt davon, dass es sich lohnt, gemeinsam für eine solidarische Welt zu kämpfen. Dabei ist Wissen und lebensbegleitendes Lernen in der Gewerkschaftsbewegung immer ein hohes Gut gewesen. Enorme Erfolge Selbstverständlich und mit großer Über- zeugung würde ich als langjährige und von den Leistungen der Arbeiterkammer be- geisterte Mitarbeiterin jederzeit unter- schreiben, dass es tatsächlich ganz viel Hirn in der AK gibt. Die enormen Erfolge bei der Abfederung der zahlreichen Vorhaben unter Schwarz-Blau (2000–2006) zeigen, dass sich die Arbeiterkammer auch durch- setzen kann. Der politische Gegenspieler weiß und fürchtet auch genau das, was sich am deutlichsten in den immer künstlich aufgebrachten Diskussionen über die Kammerumlage beobachten lässt. Diese wie auch die Diskussion um die Pflicht- mitgliedschaft kommen schließlich nicht von den Mitgliedern, sondern stets von jenen destruktiven Kräften, die genau wis- sen, warum ihnen eine Schwächung der Arbeiterkammer – und somit der Gewerk- schaftsbewegung – sehr gelegen käme. Hohes Gut soziale Sicherheit Die Erfolge, die Arbeiterkammer und ÖGB gemeinsam – sozusagen im Doppel- pass – seit 1945 erlangt haben, sind viel- fach bekannt. Dennoch möchte ich einige wichtige Punkte anführen, die zur Grund- lage unserer demokratischen Republik ge- worden sind und die uns auch derzeit in- tensiv beschäftigen. Dazu gehört etwa die soziale Sicherheit. Das Allgemeine Sozial- versicherungsgesetz wurde fast zeitgleich mit dem Neutralitätsgesetz vom Parlament beschlossen. Der jungen Republik war es überaus wichtig, ihr Haus auf dem Fun- dament einer starken sozialen Absicherung all jener zu bauen, die in ihm wohnen. So- ziale Sicherheit ist ein hohes Gut, das zwar anscheinend den ÖsterreicherInnen als Selbstverständlichkeit erscheint, das aber in der derzeitigen Diskussion um angeb- liche österreichische „Werte“ recht selten zu hören ist. Insbesondere die Pensionsde- batte wird von neoliberalen Kräften immer aufs Neue aufgewärmt. Inhaltlich und stra- tegisch muss man hier topfit sein, um in der Debatte nicht nur Paroli bieten, son- Hand in Hand mit Hirn und Herz Durch die Union aus Fachgewerkschaften unter dem Dach des ÖGB, flankiert von Arbeiterkammern, haben auch ArbeitnehmerInnen eine leistungsstarke Vertretung. Silvia Hruska-Frank Abteilung Sozialpolitik der AK Wien EIN GUT ER G RUN D