Arbeit&Wirtschaft 1/2016 31Schwerpunkt standen nicht nur Arbeitsrecht, son- dern auch Volkswirtschaft, Betriebswirt- schaft, Sozialpolitik und viele andere Themen, die für den betrieblichen und gewerkschaftlichen Alltag relevant sind. Vernetzung Eines der nachhaltigsten Ergebnisse un- seres BRAK-Lehrgangs ist die Betriebs- räte-Vernetzung der Jugendarbeit in Wien geblieben. Auch das ist ein Vorteil der gewerkschaftlichen Organisierung: Wir hatten die Gewerkschaft als Platt- form für unseren Austausch und gleich- zeitig die Möglichkeit, unsere Anliegen in die Organisation zu tragen. Somit blei- ben die Themen nicht in den Betrieben. Durch die Vernetzung, auch in den Gre- mien der Fachgewerkschaften, kommen die Aufgabestellungen von den Beleg- schaften der Betriebe in die Gewerkschaf- ten, von den Mitgliedern in die Organi- sation. Es sind also die Mitglieder selbst, die die Themen in die Gewerkschaften tragen. Ich möchte auch nicht verschwei- gen, dass meine Aufgaben als Betriebs- ratsmitglied nicht immer nur erfreulich und lustig waren. Im Gegenteil, kam ich doch öfters in die Situation, Kollegin- nen und Kollegen in schwierigen Situa- tionen zu begleiten. Das konnten Wech- sel innerhalb des Unternehmens sein, egal ob vom Kollegen oder der Kollegin gewünscht oder vom Arbeitgeber ge- wollt. Es konnte auch vorkommen, dass der Arbeitgeber das Dienstverhältnis be- enden wollte und ich den Kollegen oder die Kollegin dabei begleitet habe, eine einvernehmliche Lösung zu verhandeln. Diese Fälle konnten schon schwierig und belastend sein. Wirklich schlaflose Nächte bereiteten mir aber jene Situati- onen, in denen ich keine Handlungsop- tionen mehr gesehen habe, in denen je- des Handeln meinerseits die Situation der betroffenen Kolleginnen und Kolle- gen nur mehr hätte verschlechtern kön- nen. Ich war zur Untätigkeit gezwun- gen. Damit selbst klarzukommen und dies auch den Betroffenen zu erklären, war sehr belastend für mich und für die anderen Mitglieder meines Betriebsrats. Es waren die Kolleginnen und Kollegen aus der Gewerkschaft, die mir in solchen Situationen geholfen haben. Sie haben mir zugehört, haben mir Rückhalt gege- ben. Und der Austausch mit Betriebs- ratsmitgliedern anderer Unternehmen hat mir dabei geholfen, zu akzeptieren, dass es eben auch Situationen geben kann, in denen auch der Betriebsrat oder die Betriebsrätin nichts mehr tun kann. Mehr als Service In den Jahren meiner Tätigkeit als Be- triebsratsmitglied bin ich auch oft mit KollegInnen konfrontiert gewesen, die meinten, dass es toll sei, was ich mache. Nicht minder schätzten sie die Unterstüt- zung, die mir die Gewerkschaft dabei ge- be. Aber es reiche dabei ja, wenn ich Mit- glied sei. Sie selbst hätten doch nicht un- mittelbar etwas davon. Ich habe die Kollegin oder den Kollegen dann immer ersucht, er oder sie möge sich einmal vor- stellen, dass alle bei uns im Betrieb so dächten und von den 300 Beschäftigten nur die Betriebsratsmitglieder bei der Gewerkschaft wären. Und was, wenn nicht nur unsere Belegschaft so dächte, sondern alle Beschäftigten? Dann wäre es schnell vorbei mit den Gewerkschaften. Und damit wäre es auch vorbei mit den Kollektivverträgen, mit den Bildungsan- geboten, mit der politischen Vertretung unserer Interessen – kurz mit allem, was Gewerkschaft alles ausmacht. Es ist für ein Betriebsratsmitglied also nicht nur wichtig, selbst Gewerkschaftsmitglied zu sein. Es ist genauso wichtig, die Kollegin- nen und Kollegen in der Belegschaft von der Bedeutung der Mitgliedschaft zu überzeugen. Gewerkschaft ist eben mehr als eine Serviceeinrichtung, mehr als eine Bildungsorganisation, mehr als Rechts- beratung. Wir sind betriebliche, überbe- triebliche und politische Interessenver- tretung. Wir sind das alles für und durch unsere Mitglieder. Und wir sind das auch für all jene Kolleginnen und Kollegen, die noch nicht Mitglied sind. Mit der Zeit rückten jüngere Kolle- ginnen und Kollegen als Mitglieder in den Betriebsrat nach. Da sagte ich dann immer: „Jetzt machst du einmal den Grundkurs“ – und nun war es auf ein- mal ich, der mehr rhetorisch fragte: „Gewerkschaftsmitglied bist du eh?“ Internet: www.voegb.at www.betriebsraete.at Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor martin.mueller@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Das vielfältige Bildungsangebot der Gewerkschaft ist für BetriebsrätInnen eine wertvolle Unter- stützung. Als Gewerkschaftsmitglied kann man diese kostenlos besuchen.