Arbeit&Wirtschaft 1/201634 Schwerpunkt D ie Stärke der österreichischen Ge- werkschaften trägt wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg des Landes bei: Von den Lohnverhandlungen bis zur allgemeinen Sozial- und Wirt- schaftspolitik schafft sie verlässliche Rah- menbedingungen für Beschäftigte und Betriebe. 2,2 Prozent: Um diesen Wert stiegen die kollektivvertraglich ausgehandelten Löhne und Gehälter 2015 im Durch- schnitt. Bei einer Inflationsrate von 0,9 Prozent ist das eine kräftige Erhöhung. Sie wäre angesichts stark steigender Ar- beitslosigkeit und intensiven Wettbe- werbs um freie Jobs von den meisten Be- schäftigten bei Einzelverhandlungen mit ihrem Arbeitgeber kaum zu erreichen ge- wesen. Mitgliederstarke Gewerkschaften sind eine Voraussetzung dieses Erfolgs. Eine zweite bildet das bewährte System der Kollektivvertragsverhandlungen zwi- schen Fachgewerkschaften und Fachver- bänden der Wirtschaftskammer, das den Kern der österreichischen Sozialpartner- schaft ausmacht. Erfolgreiches Modell Das System der Kollektivvertragsverhand- lungen ist seit Jahrzehnten fixer Bestandteil des erfolgreichen österreichischen Mo- dells. Im europäischen Vergleich ist es fast einzigartig. Während bei uns 98 Prozent der unselbstständig Beschäftigten einem Kollektivvertrag unterliegen, sind es in Ost- und teilweise auch in Südeuropa kaum noch ein Drittel. Selbst in Deutsch- land sind es bereits weniger als 60 Prozent. Das hat dort zum Entstehen eines großen Niedriglohnsektors geführt, dessen soziale Gefahren erst nach einem zehnjährigen mühevollen Ringen um die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes wenigs- tens in den gröbsten Zügen gebannt wer- den konnten. Vorteile kollektiver Verhandlungen Die Voraussetzungen für kollektive Lohn- verhandlungen liegen auf der Hand: einer- seits starke Gewerkschaften, und zwar auf Betriebsebene, in den Branchen und in der Gesamtwirtschaft, die nicht in Fraktionen zersplittert sind, sondern eine tatkräftige Einheit bilden; andererseits ebenso gut or- ganisierte Arbeitgeberverbände. So kön- nen die Ergebnisse ihrer Lohnverhandlun- gen allen Beschäftigten zugutekommen. Dabei werden die Löhne nicht nach der Lage des einzelnen Betriebes ausge- richtet, sondern nach jener der Gesamt- wirtschaft, und das erweist sich als großer Vorteil. Denn nur so können sie der Doppelrolle der Löhne gerecht werden: Löhne und Gehälter sind einerseits Kos- ten für die Unternehmen, und damit ist bei einem kleinen Land mit hohem Au- ßenhandelsanteil Rücksicht auf deren Wettbewerbsfähigkeit zu nehmen. Ande- rerseits sind sie Einkommen für die Ar- beitnehmerInnen und bestimmen damit die Konsumnachfrage. Steigen Löhne und Gehälter in der Gesamtwirtschaft im Ausmaß der In- flationsrate und des Wachstums der gesamtwirtschaftlichen Produktion je Beschäftigten/r, dann erhöhen sich die realen Lohnstückkosten nicht. Die Lohn- kosten je Beschäftigten/r steigen genau gleich rasch wie die Produktion je Beschäftigten/r. Arbeit wird damit ge- samtwirtschaftlich nicht teurer und die Nachfrage nach Gütern und Dienstleis- tungen steigt mit der Produktion. Die kollektivvertraglichen Lohnver- handlungen sind also ausgewogen nach den Bedürfnissen von Wettbewerbsfähig- keit, Konsumnachfrage und Beschäfti- gung ausgerichtet. Es ist offensichtlich, dass die einzelnen Beschäftigten von die- ser gemeinsamen Strategie profitieren. Aber auch für die Unternehmer stellen Kollektivverträge enorme Vorteile dar, deren sie sich sehr oft gar nicht bewusst sind. Dezentralisierte Verhandlungen im Betrieb oder mit einzelnen Personen ha- ben den Nachteil, dass Unternehmen sich bezüglich der Löhne erst kundig machen müssen, was die Konkurrenz zahlt. Sie müssten Billigkonkurrenz ebenso fürch- ten wie einen Lohnwettlauf um Fachar- beitskräfte – in jeder Richtung ein erheb- liches Risiko. Sowohl die Verzerrung des Wettbewerbs als auch diese Informations- kosten entfallen beim Abschluss eines Kollektivvertrages: Es gibt einheitliche Lohnstandards und die Unternehmen Wirtschaftlicher Erfolg und soziale Demokratie Die starken österreichischen Gewerkschaften sind dafür ein Schlüssel. Markus Marterbauer Wirtschaftswissenschaft und Statistik, AK Wien B U C H T I P P Robert B. Reich: Saving Capitalism For the Many, Not the Few Verlag Random House US, 304 Seiten, 2015, € 27,70 ISBN: 978-0-385-35057-0 Bestellung: www.arbeit-recht-soziales.at