Arbeit&Wirtschaft 1/2016 35Schwerpunkt können sich somit auf volkswirtschaftlich vernünftige Aktivitäten konzentrieren, nämlich die Entwicklung, Erzeugung und den Verkauf hochwertiger und inno- vativer Güter und Dienstleistungen. Motor sozialen Fortschritts Kollektivverträge gehen allerdings weit über die Festlegung von Mindestlöhnen hinaus. Sie umfassen viele Regelungen der Arbeitszeit oder der Möglichkeiten von Weiterbildung und Pflege. Sehr oft wur- den Erfolge wie zum Beispiel der Ur- laubsanspruch zunächst in einzelnen Kol- lektivverträgen erreicht und erst später auf gesetzlicher Ebene für alle Menschen ver- wirklicht. So wurde die Praktikabilität im wirtschaftlichen Alltag sichergestellt und die Kollektivverträge wurden zu einem wichtigen Motor des sozialen Fortschritts. In jüngster Zeit ist das vor allem im Bereich der Arbeitszeitpolitik feststellbar, wo sehr erfreuliche Innovationen gelin- gen. Sie betreffen die Aufteilung des Ver- teilungsspielraumes auf Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung. In den Kol- lektivverträgen der Elektro- und der Me- tallindustrie ist es gelungen, eine „Frei- zeitoption“ kollektivvertraglich zu veran- kern. Sie ermöglicht es den Arbeitneh- merInnen, Lohnerhöhungen in Form kürzerer Arbeitszeiten in Anspruch zu nehmen. Damit werden die Kollektivver- träge neuerlich zum Vorreiter einer Poli- tik für höhere Lebensqualität, bessere Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Bil- dung und die Verringerung der Arbeits- losigkeit. Mitbestimmung und Einfluss der Ge- werkschaften gehen über die Lohnver- handlungen hinaus. Wie nicht zuletzt die jüngste Lohnsteuersenkung gezeigt hat, würde das Steuersystem schlimm ausse- hen, wenn ÖGB und AK dabei nicht mitzureden gehabt hätten. Gerade bei der Besteuerung von großen Vermögen und Erbschaften ist weiterer Druck von dieser Seite dringend notwendig. Die soziale Pensionsversicherung ist in Österreich – eines von ganz wenigen Ländern der EU – noch in der Lage, den Lebensstandard der Bevölkerung im Alter zu sichern und Armut vorzubeugen. Ohne die starke Stellung der Gewerkschaften würde unser Pensionssystem heute vielleicht so ausse- hen wie in Deutschland, wo die Ersatzra- te auf unter 50 Prozent der Einkommen sinkt, die Menschen in die Fänge von Banken und Finanzmärkten getrieben werden und Altersarmut vorprogram- miert ist. Starker ÖGB, hohe Sozialstandards Österreichs Sozialstandards sind aufgrund der Stärke des ÖGB hoch. Die Kennzah- len beweisen, dass dies auch zum wirt- schaftlichen Erfolg des Landes beigetragen hat: Die Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt um 28 Prozent über dem EU-Durch- schnitt und dieser Abstand ist seit Beginn der Finanzkrise 2008 sogar um fünf Pro- zentpunkte gestiegen. Trotz der Erfolge wird der österreichische Weg in Brüssel kaum goutiert. Starke Gewerkschaften gel- ten dort als starr, inflexibel und der ge- samtwirtschaftlichen Entwicklung abträg- lich. Auf derartige Ideen kann man aller- dings nur kommen, wenn man noch immer an das Märchen der Glückselig- machung durch freie Märkte glaubt, trotz Finanzkrise und enormer Zunahme der Ungleichheit. Von den gescheiteren Ökonomen in den USA wird das ganz anders gesehen. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz etwa weist seit Langem darauf hin, wie die Einbin- dung der Beschäftigten in Entscheidun- gen auf betrieblicher und gesamtwirt- schaftlicher Ebene nicht nur die Leis- tungsfähigkeit der Wirtschaft steigern kann, sondern auch ein unverzichtbares Element einer demokratischen Gesell- schaft bildet. Der ehemalige US-Arbeits- minister und Berkeley-Professor Robert Reich zeigt in seinem jüngsten Buch „Sa- ving Capitalism“, wie dringend der Auf- bau demokratischer Gegenmacht gegen die Übernahme von Marktwirtschaft und Demokratie durch eine kleine, aber ein- flussreiche Kaste an Vermögenden, Fi- nanzspekulanten und Spitzenmanagern ist. Gewerkschaften spielen in seinem Konzept für eine bessere Wirtschaft und Gesellschaft eine zentrale Rolle. Ganz so, als würde er sich Österreich zum Vorbild nehmen. Internet: Das österreichische Lohnverhandlungssystem: Überlegen, aber gefährdet? tinyurl.com/zgpqbun Demokratische Entwicklungen als Früchte der Arbeit(-erbewegung): tinyurl.com/jnc2fb3 Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor markus.marterbauer@akwien.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Nicht nur auf politischer Ebene bewährt sich die Sozialpartnerschaft, auch im Betrieb, wie etwa Salesianer-Miettex zeigt: Es gibt wenig Fluktuation, die MitarbeiterInnen sind zufrieden, ebenso die Chefs.