34 Arbeit&Wirtschaft 1/2017 S ie haben die richtigen Facebook- FreundInnen, teilen mit ihnen die richtigen Seiten und posten Erwünschtes? Glückwunsch, Sie hätten gute Chancen, einen Kredit zu bekommen. Jedenfalls in China, wo Social-Media-Analysen der Kreditver- gabe vorausgehen. Abhängig von der Punktezahl, dem „Citizen Score“, kommen chinesische KonsumentInnen leichter an günstige Kredite oder an Reisevisa. Die Daten kann jede/r einsehen. Bis 2020 möchte China laut „Wall Street Journal“ diese BürgerInnenbe- wertung landesweit einführen. Ver - wal tungs übertretungen und psycholo- gische oder politische Auffälligkeiten hätten dann Konsequenzen: Wunsch- schule für die Kinder ade, freie Zug- und Hotelwahl eingeengt und längere Wartezeiten bei Behörden. Es handelt sich somit um eine Bonitätskontrolle gesteigert bis zur vollständigen Ver- messung menschlichen Verhaltens. Test bestanden oder durchgefallen? Wer meint, dass sich so etwas nur in einem autoritären Land wie China abspielen könnte, irrt. Wissen ist Macht – auch hierzulande. Kreditgeber, Ver sicherungen, Leasingfirmen, Anbie- ter von ratenfinanzierten Geschäften oder einfach Firmen, die mit KundIn- nen eine längerfristige Vertragsbezie- hung eingehen (z. B. Telefon- und In- ternetdienste, Vermietung, Ausbil- dungslehrgänge): Sie alle versuchen seit jeher, die Risiken eines Geschäftsab- schlusses abzuschät zen und zu verrin- gern. Noch nie zuvor wurde dabei aber so viel Aufwand getrieben. Firmenintern wird über komplexen Bewertungsmo- dellen für KundInnen gebrütet und Dienstleister werben für ihre Datenber- ge und Analysewerkzeuge, um das Be- dürfnis von Unternehmern nach besse- rer Ab sicherung zu wecken. Was ist denn nun Scoring? Der Begriff kann, angelehnt an den Sport, mit „Punktevergabe“ übersetzt werden. Scorings sind mathematische Verfah- ren zur Bewertung von Verhalten. Mit- hilfe von Fakten und statistischen Wer- ten soll möglichst zuverlässig das Ver- halten von KundInnen vorhergesagt werden. So wird die Wahrscheinlich- keit berechnet, mit der KundInnen ihre Zahlungspflichten erfüllen bzw. verletzen werden, ob sie sich den Ver- tragsabschluss leisten können, pünkt- lich zahlen und dem Unternehmen lange treu bleiben werden. Alles, was man über die potenziel- len VertragspartnerInnen weiß oder aufgrund statistischer Zuschreibungen zu wissen glaubt, fließt in den Score und damit in die unternehmerische Entscheidung ein: bei der Zusage oder Verweigerung eines Vertrages, bei der Festlegung von Preisen, Zinsen oder Konditionen. Undurchschaubar auch in Österreich Für Banken gilt die Sorgfaltspflicht nach dem Bankwesen- und Verbraucherkre- ditgesetz. Sie müssen die Bonität von KreditnehmerInnen prüfen. Allerdings handeln die AkteurInnen (die kredit- gebende Wirtschaft, Wirtschaftsaus- kunfteien und viele weitere Unterneh- men, die Bonitätschecks durchführen) dabei überaus intransparent. Verbrauche- rInnen wissen oft nicht einmal, dass Scoring durchgeführt wird, kennen ihren Score nicht und haben keine Möglichkeit, den Bewertungsprozess infrage zu stellen. Gleichzeitig nimmt die Menge der für Scoringzwecke durchkämmbaren Daten durch die Digita lisierung rasant zu. Sämtliche Lebensumstände Doch ist das wirklich neu? „Schwarze Listen“ gibt es immerhin schon seit den 1960er-Jahren. Sich auf die Selbst- auskünfte der KonsumentInnen, die Erfahrungen von BankmitarbeiterInnen und Warnlisten über säumige Schuld- nerInnen und gemeldete Insolvenzen zu verlassen: Das war gestern. Heute geht man über simple Nega- tivdatensammlungen weit hinaus. Nicht mehr die bisherige Zahlungs- moral steht im Fokus, sondern sämt- liche Lebensumstände einer Person. Es wird nicht nur zurückgeblickt, sondern auch vorausgeschaut. Ist in der Praxis schon die Rückschau feh- leranfällig, so gilt das für Prognosen umso mehr. Ganze Bevöl kerungsgruppen wer- den statis tisch klassifiziert und (aus-) sortiert. Hinzu kommt der internatio- nale Trend, Scorings mit sensiblen In- formationen anzureichern, die nicht für Bonitäts bewertungen gedacht sind, Daniela Zimmer Abteilung Konsumentenpolitik der AK Wien Punkte für gefälliges Verhalten Bonitätsbewertungen entscheiden immer öfter darüber, ob man als VertragspartnerIn akzeptiert wird. Eine Studie untersuchte Praxis und soziale Folgen des Scorings.