33Arbeit&Wirtschaft 4/2017 siert auch die öffentliche Hand: „Dort wo Wohnbauförderungen und Steuergel- der hineinfließen, gibt es für Armutsbe- troffene und Wohnungslose wenig Hil- festellung, leistbaren Wohnraum zu fin- den.“ In den letzten Jahren wurden Zu- gangs regeln verschärft. Menschen, die um eine Gemeindewohnung ansuchen, müssen zwei Jahre durchgehend in Wien gemeldet sein. „Für Obdachlose ist das schon fast ein K.-o.- Kriterium. Woh- nungslosigkeit führt oft zu Meldelücken.“ Diese Änderung ist für Reiter nicht nachvollziehbar. „Von einem Jahr aufs andere bekamen wir von Wiener Wohnen 140 Wohnungen weni- ger zugewiesen. Bis dahin hat es immer gereicht, wenn unsere SozialarbeiterIn- nen etwa mit AMS-Bezügen nachweisen konnten, dass Betroffene in Wien aufhäl- tig waren.“ Reiter fordert, dass Obdachlosigkeit als Dringlichkeitsgrund bei der Wohn- vergabe zu berücksichtigen wäre. Außer- dem fordert er, dass bei befristeten Miet- verträgen die Mindestfrist von drei auf zehn Jahre erhöht wird: „Das unterstützt Familien, da es durch Befristungen zu häufigen Wohnungswechseln mit immer teureren Mieten kommt.“ Wer bei der Josefstädter Straße in Wien aus der U6 aussteigt und einmal um die Station geht, dem kann es passieren, dass er auf eine Gruppe von Menschen trifft, die vor einer grünen Tür auf Einlass war- ten. „wieder wohnen“ steht auf dem Schild darüber und gleich darunter „Josi – Tages- zentrum für Obdach- lose und Straßensozi- alarbeit“. „Wir dürfen nur 100 Menschen gleichzeitig ins Ge- bäude lassen. Wenn wir voll sind, müssen die anderen leider warten, bis jemand geht“, erklärt Leiterin Nora Kobermann. Im Josi selbst können Menschen all das machen, was sie auch in einer eigenen Wohnung tun können: duschen, Wäsche waschen, kochen, Schach spielen oder sich entspan- nen. In Depots kann persönliches Hab und Gut verwahrt werden. An der Theke gibt es Kaffee, Tee, Brot, Marmelade und Butter. „Wir helfen den Menschen, aus ihrer Situation herauszu- kommen, indem wir Nachtquartiere und Übergangswohnungen vermitteln“, sagt Kobermann. Josi unterstützt die Men- schen bei der Geltendmachung von An- sprüchen wie der Mindestsicherung und AMS-Leistungen. „Zentral ist die Beschaf- fung von Dokumenten. Diese gehen auf der Straße oft verloren oder werden ge- stohlen.“ So nützlich und wertvoll Einrichtun- gen wie das Josi auch sind – Barbara war dort eher selten anzutreffen. „Ich wollte nicht mit den immergleichen schlimmen Schicksalen konfrontiert sein. Das zieht einen nur runter.“ Den Tag hat sie anders verbracht: „Ich habe den Kulturpass und bin damit ins Museum gegangen. Da konn- te ich mir dann wenigstens einreden, dass das jetzt etwas Sinnvolles war“, sagt sie la- chend. Die Wohnungssuche ist für Barbara gut ausgegangen: Seit einigen Wochen hat sie eine neue Bleibe. Ihr nächstes Ziel ist ein Job als Fremdenführerin. Die Ausbil- dung dazu hat Barbara bereits begonnen. Schreiben Sie Ihre Meinung an die AutorInnen udoseelhofer426@msn.com sandra.knopp@gmx.at oder die Redaktion aw@oegb.at „Obdachlosigkeit muss als Dringlichkeitsgrund bei der Wohnungsvergabe berücksichtigt werden.“ Markus Reiter, Neunerhaus